Eine kleine Alltagsszene
Heute Mittag rollte mir ein Stück Apfel vom Tisch und fiel Plump, ohne jede Eleganz auf den Boden. Sofort spürte ich zwei Stimmen in mir:
„Oh, wieder unachtsam! Du hast hast nur einen Moment nicht aufgepasst und … schon wieder etwas verschwendet.“
Und zeitgleich:
„Bei all dem, was du hast – musst du gleich jedem Krümel hinterhertrauern?“
Ich blieb sitzen. Der Apfel lag da. Fünf Sekunden. Zehn. Dann hob ich ihn auf – nicht aus Panik, sondern nach einer kurzen, stillen Absprache mit mir selbst.
Die Pythagoreer hätten gelächelt und gesagt:
„Was heruntergefallen ist, hebe nicht auf!“
Diese Pythagoreer im alten Griechenland* … sie waren seltsame Leute, merkwürdig für ihre Zeit: Sie lebten streng, aßen nach Regeln, zählten die Töne der Musik wie Mathematik und glaubten, dass Zahlen die Welt ordnen. Für sie war das Aufheben eines heruntergefallenen Krümels nicht nur unnötig – es war eine Übung der Selbstbeherrschung.

Aristoteles ergänzte später: Das ist eine Übung gegen die Gier. Nicht jedem Bissen nachzujagen, heißt, den Geist zu schulen und nicht nur den Körper zu füttern.
Gedanken für heute
Dieser kleine Dualismus zeigt sich überall, wenn etwas „abfällt“ – ein Apfelstück, eine Gelegenheit, eine Nachricht, ein Funken Energie:
- Die eine Stimme klagt: Schuld, Verschwendung, mangelnde Achtsamkeit.
- Die andere fragt: Bei allem, was du hast – muss wirklich alles gerettet werden?
Die pythagoreische Regel – „Was heruntergefallen ist, hebe nicht auf“ – lädt ein, die automatische Jagd zu unterbrechen. Ist das Hinterher wirklich nötig? Oder nur Gewohnheit, Angst vor Verlust, blinder Appetit?
Wer den Krümel liegen lässt, wenigstens für einen Moment, übt den Körper zu beherrshen. Maßhalten beginnt im Winzigen, in den kleinen Pausen des Alltags, die wie stille Atemzüge Weite im Inneren schaffen.
Die Steigerung – das Extrem
Und wenn es nicht nur ein Krümel ist, sondern etwas wirklich Gefährliches fällt?
Dann verwandelt sich die kleine Übung in eine lebenskluge Warnung: „Nicht ins fallende Messer greifen.“
Manchmal ist das mutigste „Nicht-Aufheben“ genau das: vorbeilassen, was dich verletzen könnte, statt reflexhaft zuzugreifen. Beim Autofahren etwa, können wir ähnlich reflexhaft das Lenkrad verreißen. Das wäre fatal.
Geduld, Wachsamkeit, stille Kontrolle – wer den Impuls innehält, gewinnt Raum im Kopf, Frieden im Körper.
Und zum etwas Weiterdenken** ein paar weise Worte aus der Bibel:
Wenn du dich setzt, um mit einem Herrscher zu essen, so achte darauf, wen du vor dir hast, und setze dir ein Messer an die Kehle, wenn du hungrig bist.
Sprüche 23,1–2 (Züricher Bibel)
Ergänzungen
*Die Pythagoreer galten bereits in der Antike als ein religiös-philosophischer Geheimbund mit strengen Aufnahmeritualen, jahrelanger Schweigepflicht für Neulinge und absoluter Verschwiegenheit gegenüber Außenstehenden.
Neben ihrer berühmten Zahlenmystik und der Lehre von der Seelenwanderung zeichneten sie sich durch eine Reihe höchst eigenwilliger Lebensregeln aus – darunter ein striktes Verbot, Bohnen zu essen oder auch nur zu berühren, dessen genauer Grund schon den Alten rätselhaft blieb (vielleicht wegen Seelenwanderung, hodenähnlicher Form, oligarchischer Symbolik oder schlicht wegen ihrer „dumpfmachenden“ Wirkung auf den Geist).
Weitere Kuriositäten umfassten Verbote wie das Tragen wollener Kleidung, das Urinieren in Richtung Sonne oder das Essen von Tieren überhaupt – Eigenschaften, die sie für Zeitgenossen teils als weise Asketen, teils als wunderliche Sektierer erscheinen ließen.
**Der Vers wandelt die kleine pythagoreische Alltagsregel in eine existenzielle Warnung vor Gier in asymmetrischen Beziehungen um – von der Krume am Boden bis zum Tisch des Mächtigen – der heute oft genug nur Dein Chef oder Vorgesetzter ist. Bei Gesprächen mit solchen Menschen fallen oft Dinge zu Boden, die wir besser liegen lassen…