70.000 Jahre altes Fladenbrot: Die unterschätzte Kochkunst der Neandertaler.

Fladenbrot auf einer Steinplatte in der Lagerfeuerglut

Symbolbild, doch so ähnlich können wir uns das Neandertaler-Fladenbrot vorstellen.

Ein Fund, der nicht ins Klischee passt

Heute stieß ich eher beiläufig – über einen Bericht im Guardian [1] und den Quellen folgend bei der Cambridge-University – auf eine archäologische Studie aus dem Jahr 2022 [2], die man ohne Übertreibung als kleine Sensation bezeichnen kann. Und doch ist sie in der allgemeinen Wahrnehmung erstaunlich leise verhallt.

Es geht um nichts Geringeres als ein rund 70.000 Jahre altes „Fladenbrot“, das dem Neandertaler zugeschrieben wird.

 

Höhle auf Anhöhe in steppenartiger Umgebung
2) Die Shanidar-Höhle. ©JosephV, 2006

Gefunden wurden verkohlte Überreste pflanzlicher Speisen in der Shanidar-Höhle im Norden des Irak, im Zagros-Gebirge der heutigen Kurdistan-Region.

Die Funde lagen in Feuerstellen und lassen sich klar dem Neandertaler (Homo neanderthalensis) zuordnen. Was zunächst unscheinbar wirkt, entfaltet bei näherem Hinsehen eine bemerkenswerte Tragweite.

 


Die stille Komplexität prähistorischer Küche

Die analysierten Reste bestehen aus einer Mischung von Hülsenfrüchten – vermutlich wilden Erbsen oder Linsen – dazu Grassamen, Senfsamen und weitere Wildpflanzen. Auffällig ist das Fehlen von Gärungsmerkmalen: keine Blasen, keine Lockerung. Es handelt sich also um ungesäuerte Fladen – eher ein frühes Brot oder eine Art prähistorischer Pancake [3].

Entscheidend ist jedoch weniger das „Was“ als das „Wie“.

Die Pflanzen wurden offenbar gesammelt, eingeweicht, zerkleinert oder gemahlen und anschließend auf heißen Steinen oder direkt in der Glut gebacken. Das ist kein Zufallsprodukt. Es ist ein mehrstufiger Prozess – Planung, Technik und Erfahrung eingeschlossen.

Hier zeigt sich eine Form von Kochkunst, die man dem Neandertaler lange nicht zugetraut hat.

Abschied vom primitiven Fleischesser

Der Archäologe Chris Hunt (Liverpool John Moores University), der die Ausgrabungen leitete, betonte, dass es sich um den bislang klarsten Nachweis komplexer Nahrungszubereitung bei Neandertalern handelt. Das verbreitete Bild des grobschlächtigen Fleischessers wird dadurch in Frage gestellt.

 

Neandertalerin beim backen von Fladenbrot
3) Symbolbild: Neandertaler waren um vieles zivilisierter, als gewöhnlich angenommen.

Tatsächlich zeigt sich hier etwas anderes: eine differenzierte Ernährung und – wichtiger noch – ein kultureller Umgang mit Nahrung.

Hunt und sein Team rekonstruierten das Rezept experimentell. Das Ergebnis: ein nussig schmeckendes, durchaus genießbares Fladengebäck. Die scherzhafte Bemerkung Hunts, man verstehe nun die schlechten Zähne der Neandertaler, verweist nebenbei auf einen ernährungsphysiologischen Aspekt – harte, faserreiche Pflanzenkost stellt ganz andere Anforderungen als Fleisch.

Einordnung: älter als alles Vergleichbare

Die Funde aus Shanidar sind rund 70.000 Jahre alt und gelten als die ältesten bekannten Überreste komplex zubereiteter pflanzlicher Nahrung. Vergleichbare Spuren gibt es zwar auch in der Franchthi-Höhle in Griechenland – diese sind jedoch deutlich jünger (ca. 10.000 v. Chr.).

Zum Vergleich: Das bislang älteste bekannte Brot des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) stammt aus Shubayqa 1 in Jordanien und ist etwa 14.400 Jahre alt; und am archäologischen Fundort Ohalo II am See Genezareth wiesen Forscher auf einem Mahlstein 22.000 Jahre alte Stärkereste von Wildgetreide nach. (siehe: Inhortas-Artikel: 13.000 Jahre altes Bier und Ackerbau in der mittleren Steinzeit)

Der zeitliche Abstand ist erheblich. Der Neandertaler war hier, wenn man so will, erstaunlich früh „am Herd“.

So viel zu der eingags erwähnten Publikation.

Ausgrabungsgelände in der Shanidar-Höhle
4) Ausgrabungenin der Shanidar-Höhle 2020. ©Khoshhat, 2020

Aufwand und Einsicht: Pflanzennahrung ist Arbeit

An dieser Stelle berührt der Fund eine Beobachtung, die ich kürzlich bereits angedeutet habe: Der Mensch war im Mittelpaläolithikum zwar Jäger und verzehrte bevorzugt Fleisch – doch er war nie ausschließlich Fleischesser. Pflanzennahrung gehörte immer dazu.

Allerdings ist sie, im Unterschied zum Fleisch, selten unmittelbar zugänglich. Pflanzennahrung war – und ist es im Grunde bis heute – aufwändiger bekömmlich zu machen als Fleisch.

Samen müssen gesammelt, gereinigt und oft eingeweicht oder erhitzt werden, um überhaupt verdaulich zu sein. Viele Pflanzen enthalten Bitterstoffe oder sogenannte antinutritive Substanzen. Ihre Nutzung erfordert Wissen, Zeit und Technik.

Genau das illustriert der Fund aus der Shanidar-Höhle in aller Klarheit: Pflanzennahrung ist kein „Beifang“, sondern Ergebnis bewusster Verarbeitung.

Wer solche Speisen herstellt, denkt voraus.

Eine subtile Verschiebung des Menschenbildes

Was hier sichtbar wird, ist weniger ein einzelnes Rezept als eine geistige Haltung. Der Neandertaler erscheint nicht mehr als bloßer Überlebender, sondern als jemand, der seine Umwelt formt, strukturiert – und vielleicht sogar geschmacklich beurteilt.

Kochen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist ein Akt der Transformation – der Natur wie des Menschen selbst.

Vielleicht liegt die eigentliche Pointe nicht darin, dass der Neandertaler bereits „Brot“ buk. Sondern darin, dass er sich die Zeit nahm, es zu tun.

Nicht der Mensch lebt von dem, was er findet – sondern von dem, was er mit Aufmerksamkeit zu verwandeln bereit ist. Das macht wohl das Menschsein aus.

Quellen und Ergänzungen

[1] The Guardian; Oldest cooked leftovers ever found suggest Neanderthals were foodies; 23.11.2022 … der allerersten Anstoß zur Recherche fand ich im Telegram-Post https://t.me/ritterreisen/9421 (thomas-ritter-reisen.de)

[2] Cambridge University Press; Kochen in Höhlen: Verkohlte Pflanzenreste aus der Altsteinzeit aus Franchthi und Shanidar; 23. November 2022

[3] Archäologen bezeichnen diese Funde im Englischen als ‚pancake-like‘, was im Deutschen am treffendsten mit pfannkuchenartigen Fladen oder archaischen Fladenbroten übersetzt wird. Es handelt sich dabei um flach auf heißen Steinen gebackene Teigreste aus zerstoßenen Pflanzensamen.
Die Archäologin Dr. Ceren Kabukcu (Universität Liverpool), die die Analyse der 70.000 Jahre alten Speisereste leitete, nutzt den Begriff bewusst, um zu zeigen: Neandertaler haben nicht nur „überlebt“, sondern gekocht. Flatbread (Fladenbrot) erinnert eher an festes, trockenes Brot (wie Pita). Hingegen der Pancake beschreibt eher eine weichere oder fettreichere Konsistenz, die durch das Backen von Brei auf einer heißen Fläche entsteht.

[4] de.wikipedia: Shanidar inklusive Bildquellen 2) und 4)

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert