Ottilie-Palffy-Kochbuch (1884): Ein leichtes Hausbier – und schwere Wahrheiten

Seite im Palffy Kochbuch

[Beitrag in Erstellung] Bild: Das Leichtbier-Rezept als Fußnote auf Seite 8.

Was ein Kochbuch von 1884 über Arbeit, Ordnung und häusliche Diplomatie verrät

Ein Rezept, das mehr kann als löschen

Vorweg: Es geht hier nicht wirklich um Bier.
Zumindest nicht nur.

Ausgangspunkt ist ein unscheinbares Rezept aus einem Kochbuch des Jahres 1884. Autorin ist Ottilie Palffy [1]. Hier lesen wier es online.
Ein Werk, das man – dem Titel nach – für eine solide Anleitung zur Küche des bürgerlichen Haushalts halten könnte. Und das genau das ist. Aber eben nicht nur das.

Denn zwischen Mehlschwitze, Erbswurst und Butterbrot verstecken sich in solchen Büchern erstaunlich dichte Hinweise darauf, wie Alltag tatsächlich funktionierte.

Hier das Rezept, um das es geht – ein sogenanntes leichtes Hausbier:

„Für’s Haus“: 2½ Liter einfaches Bier, 7 Liter Wasser, 37½ Dg Zucker [2], gut verrührt, zuletzt für 7–8 Pfennige gute Weinstein­säure hinein, dann sogleich auf Flaschen gefüllt. In 14 Tagen ist es gut und wird am besten bald getrunken.

Eine kleine Vorwarnung gleich zu Beginn: Die Zuckermenge ist aus heutiger Sicht sportlich, die Säure ebenfalls. Wer das blind nachbraut, riskiert weniger historische Authentizität als fliegende Bügelverschlüsse. Eine entschärfte Version folgt weiter unten.

Doch zunächst zum eigentlichen Thema.

Kochbücher lügen selten

Wer wissen will, wie Menschen vor 100 oder 150 Jahren wirklich lebten, sollte weniger soziologische Rückprojektionen lesen und öfter in alte Kochbücher schauen. Dort steht nichts von „Diskursen“, aber sehr viel von Zeitdruck, Müdigkeit, Organisation – und stillen familiären Machtfragen.

Gerade diese Texte sind bemerkenswert ehrlich. Sie wollen nichts erklären, nichts rechtfertigen, nichts moralisch erhöhen. Sie wollen funktionieren.

Und genau deshalb sind sie so aufschlussreich.

Die Hausfrau im 19. Jahrhundert – anders, als wir denken…

Das heute gern gepflegte Bild der permanent unterdrückten, gehetzten Hausfrau passt erstaunlich schlecht zu dem, was Ottilie Palfy ihren Leserinnen empfiehlt. Nicht weil sie eine frühe Feministin gewesen wäre – sondern weil sie pragmatisch war.

Ihre Haushaltslehre ist weniger Ideologie als Betriebsanleitung.
Und die zentrale Ressource heißt: Ordnung im Haushalt und Ordnung in der Zeit.

Neben Kochanweisungen finden sich zahllose Hinweise zur Tagesstruktur. Ordnung im Haushalt und Ordnung in den zeitlchen Abläufen als Entlastungsstrategie – und, bemerkenswert genug: ein eingeplanter Mittagsschlaf. Selbst das gelegentliche Verschlafen am Morgen wird berücksichtigt, sofern am Vorabend alles vorbereitet wurde.

Man könnte sagen: Palfy entwirft eine frühe Form häuslicher Resilienzstrategie. Ohne diesen Begriff zu kennen – aber mit verblüffender Klarheit.

Das Abendbrot als Sozialtechnik

Besonders inerssant erschint mir Palfys Beschreibung des Abendessens (siehe unten). Hier wird deutlich, dass Essen nie nur Ernährung war, sondern Beziehungsarbeit.

Reste vom Mittag werden zur Suppe verlängert. Für Kinder und Mutter ist sie gesund. Der Hausherr hingegen – so lässt Palfy durchblicken – ist pädagogisch schwieriger.

Falls er sich an Suppe nicht gewöhnen lässt, reicht man ihm Bier oder Tee, dazu Butterbrot und Käse.

Das klingt harmlos. Ist aber eine clevere Palfy-Strategie.

Denn das Ziel ist klar benannt:
Der Mann soll sich zu Hause wohlfühlen. So wohl, dass ihm das Wirtshaus gar nicht erst einfällt.

Das Hausbier: mild, billig, strategisch klug

An dieser Stelle betritt das leichte Hausbier die Bühne (siehe oben im Originaltext).
Nicht als Genussmittel, sondern als diplomatisches Werkzeug.

Verdünnt, preiswert, schwach alkoholisch – ein Getränk, das beruhigt, sättigt und bindet. Kein Rausch, kein Exzess, keine Kneipe. Dafür ein vertrauter Platz am Tisch, saubere Kinder, Ordnung – und ein leiser Triumph der Hauswirtschaft.

Dass leichte Biere damals verbreitet waren, erklärt sich also nicht nur mit hygienischen Argumenten. Es war vor allem eine soziale Lösung.

Man könnte fast sagen: Das Hausbier war die alkoholarme Antwort auf männliche Geselligkeit.

Was wir daraus lernen können

Dieses kleine Rezept, samt dem kurzen Einblick in dieses immer noch lesenswerte Kochbuch erzählt erstaunlich viel.
Über Arbeitsrhythmen.
Über Geschlechterrollen jenseits moderner Projektionen.
Über Ordnung als Entlastung – nicht als Zwang.

Und vielleicht auch darüber, dass frühere Gesellschaften weniger naiv waren, als wir ihnen heute gern unterstellen.

Manchmal lohnt es sich eben, genau hinzuschauen.
Und gelegentlich sogar: ein altes Kochbuch ernst zu nehmen.

Es folgt ein Textauszug aus dem Palfy-Kochbuch

(Seite 8/9)

«Eine Stunde vor der Zeit des Abendessens, also gegen sechs oder sieben Uhr, macht sich die Hausfrau daran, das Abendbrot zuzubereiten.

Ist vom Mittag noch Gemüse übrig, so wird es verdünnt, mit Salz, etwas Pfeffer, Fett und Senf schmackhaft gemacht und als Suppe gereicht. Wer es sich leisten kann, kocht noch eine Scheibe Erbswurst [3] mit der Suppe auf und quirlt etwas Ei und Mehl hinein.

Für Mutter und Kinder ist diese Suppe gesund und nahrhaft; sollte sich der Hausherr jedoch nicht daran gewöhnen lassen, so wird ihm womöglich Bier oder Tee (auch Kaffee) aufgetragen, dazu Butterbrot und Käse.

Ein billiges und gesundes Bier, das man in kleinen Fässchen kauft und selbst auf Flaschen zieht, ist das sogenannte einfache oder Braunbier; für Kinder jedoch ist Wasser das gesündeste Getränk.

Während das Feuer zum Suppen- oder Teekochen brennt, wird der Tisch gedeckt und das – wenn auch nur einfache – Abendbrot aufgetragen. Am besten eignet sich deutscher Käse, zur Abwechslung auch marinierte Heringe, wenn man es sich erlauben kann, ebenso Eier oder Wurst oder vom Mittag übrig gebliebenes Fleisch.

Nur sei alles sauber aufgeräumt, die Kinder geschniegelt und freudig den Vater erwartend, damit diesem das Haus zur Heimat werde und er – selbst wenn er früher ein eifriges Kneipgenie gewesen sein sollte – das Abendbrot mit Lust im Kreise der Familie verzehre. Freilich muss die Hausfrau sich bemühen, dass bei der Heimkehr des Vaters alles fertig und in Ordnung ist und sie selbst beim Abendbrot mit am Tisch sitzt und sich der Unterhaltung hingeben kann.

Nach dem Abendbrot, wenn der Mann Zeitung oder Buch zur Hand genommen hat [heutzutage das Smartphone], wird rasch noch das Geschirr gespült und Anfeuerholz für den morgendlichen Kaffee geschnitzt, damit es früh schnell gehen kann, selbst wenn man sich einmal um ein paar Minuten verschlafen hat. Natürlich darf all dies nicht viel Zeit kosten, damit die Mutter bald wieder am Familientisch erscheint und dem Manne kein Gefühl der Vereinsamung aufkommt.»

Rekonstruktion des Leichbier-Rezepts mit etwas mehr Augenmaß

Wer dieses Bier heute nachstellen möchte, sollte die folgende zuckerreduzierte Rezeptur wählen. Sie wurde von der Grok-KI erstellt.

Hausbier Typ 1884 – moderne Adaption (ca. 5 Liter)

Zutaten

  • 1,25 l einfaches Bier
  • 3,75 l Wasser
  • 30–35 g Zucker
  • Saft von 1–1½ Zitronen

Zubereitung
Zucker im Wasser lösen, Bier und Zitronensaft unterrühren, in Bügelflaschen füllen.
3–5 Tage bei Zimmertemperatur, danach kühl stellen.

Der Alkoholgehalt steigt dabei nur minimal. Am Ende erhält man ein Getränk mit rund 1,5–2 % – genau die Sorte Bier, die niemanden in Versuchung führt, aber dennoch zufriedenstellt.

Quellen und Hinweise

[1] Kochbuch und Haushaltungslehre für den sparsamen Haushalt von Ottilie Palffy; Leipzig 1884; Seite 8/9

Ottilie Palfij (auch Palffy) – sie lebte von 1833 bis 1904 – zählt zu den einflussreichen bayerisch-österreichischen Kochbuchautorinnen des späten 19. Jahrhunderts. Ihr Hauptwerk „Die süddeutsche Küche“ (ca. 1880) dokumentiert den Übergang von der traditionellen Regionalgastronomie zur bürgerlichen Festküche der Gründerzeit. Besonders ihre detaillierten Anleitungen zur Verarbeitung regionaler Erzeugnisse des Donauraums machen ihre Schriften heute zu einer wesentlichen Quelle für die Rekonstruktion der historischen süddeutschen Küchenkultur und der gastronomischen Beziehungen zwischen Regensburg, Wien und München.

[2] Dekagramm (dag / Dg); ein Dekagramm entspricht 10 Gramm. 37 1/2 Dg wären also 375 Gramm.

Erbswurst
©2006, User:Rainer Zenz

[3] Erbswurst ist kein echtes Wurstprodukt, sondern eines der ältesten industriell hergestellten Fertiggerichte: Portionstabletten („Pucks“) aus Erbsenmehl, Fett (ursprünglich Rinderfett/Speck, später Palmöl), Salz, Gewürzen und Aromen, die in einer wurstförmigen, aluminiumbeschichteten Papierrolle verpackt wurden. Man zerdrückte sie, löste sie in kaltem Wasser auf und kochte kurz – fertig war eine sämige Erbsensuppe. Erfunden 1867 von Johann Heinrich Grüneberg in Berlin, verkauft an die preußische Armee und ab 1870 als „eiserne Ration“ im Deutsch-Französischen Krieg massenhaft produziert. Ab 1889 von Knorr vermarktet (Palffy kannte sie schon 1884!); Produktion erst 2018 eingestellt (!); Renaissance bei Prepper- und Outdoor-Fans, die versuchen das Produkt kopieren. Ein Klassiker der Militär- und Notverpflegung – haltbar, nahrhaft und transportabel.
Bildquelle; wikipedia.org/wiki/Erbswurst

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