Es ist Vorfrühling. Und: besser Beobachten lernen – in zwei Minuten

blühende Helleborus-Hybriden, Lenzrosen

Bild: Helleborus x Hybriden. Der Vorfrühling ist eine Zeit des Andeutens. Noch ist Farbigkeit in der Landschaft nicht voll entfaltet, doch vieles hat bereits begonnen.

Vom Missverständnis des „meteorologischen Frühlings“

Ich halte es für eine Unsitte, dass wir in den Medien jedes Jahr zu Beginn des Monats März mit der Botschaft konfrontiert werden, nun habe der meteorologische Frühling begonnen.

In Jahren, in denen es draußen bereits mild und sonnig ist, hören wir diese Nachricht gern. Dann scheint sie unsere eigene Wahrnehmung zu bestätigen. Ist es dagegen frostig und unwirtlich, regt sich leicht Missmut – verbunden mit einer beinahe ungeduldigen Erwartung nach Wärme und Licht.

Doch so oder so: Mir scheint es angemessener, sich mit dem zu begnügen, was die Natur tatsächlich darbietet. Und da existiert – weit weniger laut verkündet – neben dem vermeintlich „offiziellen“ Frühlingsbeginn noch eine andere, wesentlich genauere Unterscheidung.

Da ist zunächst der astronomische Frühling, gebunden an den Stand der Erde zur Sonne. Und daneben der phänologische Frühling – jener, der sich nicht nach dem Kalender richtet, sondern nach den sichtbaren Regungen der Pflanzenwelt. Er ist es, der in der Natur tatsächlich empfunden wird.

 


Astronomischer Frühling

In der Natur, die untrennbar mit dem Kosmos verbunden ist, beginnt der Frühling mit der Tag-Nacht-Gleiche, die um den 21. oder 22. März eintritt.

Dieses Ereignis besitzt eine besondere Klarheit: Nur zweimal im Jahreslauf geschieht es, dass in den polaren und gemäßigten Breiten die Dauer des Tageslichts genau so lang ist wie die Dunkelzeit der Nacht.

An diesen beiden Tagen markiert die Natur ihre großen Wendepunkte. Im März beginnt der Frühling, im September der Herbst. Der Sommer liegt gewissermaßen dazwischen und setzt mit jenem Tag ein, an dem das Licht seinen höchsten Stand erreicht und die Tage am längsten sind.

Die übersehene Jahreszeit

Der Beginn des Monats März gehört also noch nicht zum eigentlichen Frühling. Es ist vielmehr eine Zwischenzeit – Vorfrühling oder auch Spätwinter, je nachdem, wie man es nennen möchte.

Gerade auf diese Übergangsphase möchte ich das Augenmerk lenken. Denn auch sie besitzt ihre eigene Physiognomie. Sie ist weder bloß ein Ausklang des Winters noch schon der eigentliche Frühling. Vielmehr bildet sie eine eigenständige Stimmung im Jahreslauf – mit eigenen Zeichen, Geräuschen und Gerüchen – womit wir uns gleichzeitig im phänologischen Vorfrühlig befinden.

 

Frühblüherwiese

Die Zeichen des Vorfrühlings

Wer genauer hinsieht, erkennt rasch, dass diese Wochen eine ganze Reihe charakteristischer Erscheinungen hervorbringen.

Das Licht verändert sich.
Obwohl die Temperaturen noch winterlich sein können, nimmt die Helligkeit des Tages spürbar zu. Die Sonne steht bereits höher am Himmel. Ihr Licht wirkt klarer, fast metallisch – ein anderes Licht als jenes matte Winterlicht der vergangenen Monate.

Die Vogelwelt wird unruhiger.
Einige Arten beginnen schon mit ersten Gesängen oder mit vorsichtigem Revierverhalten, lange bevor der eigentliche Frühling eingezogen ist. Es sind zunächst nur einzelne Stimmen, noch kein vielstimmiger Chor – eher ein vorsichtiges Anstimmen des kommenden Jahres.

Die Luft riecht anders.
Wer aufmerksam ist, bemerkt in milden Stunden einen ersten Hauch von feuchter Erde und ersten blühenden Gehölzen. Es ist ein kaum wahrnehmbarer, aber unverwechselbarer Geruch – ein leiser Vorgeschmack auf das kommende Wachstum.

Der Boden beginnt zu arbeiten.
Unter der noch kühlen Oberfläche erwacht das Leben. Nach den Schneeglöckchen und Winterlingen – die ich noch zur Winterflora zähle – erscheinen nun im eigentlichen Vorfrühling, oft in erstaunlicher Geschwindigkeit, die ersten Krokusse. Ihnen folgen die Märzenbecher und der oft weniger beachtete Schneestolz. Auch einige Gehölze beginnen zu blühen, doch sind es noch wenige. Der Vorfrühling ist vor allem die Zeit der Frühblüher-Wiesen.

Diese Wochen bilden damit einen eigentümlichen Zyklus des Ankündigens und Andeutens. Noch ist nichts voll entfaltet, doch vieles bereitet sich vor. Gerade in dieser Spannung liegt der besondere Reiz dieser Jahreszeit.

Eine kleine Schule der Aufmerksamkeit

Vielleicht lohnt es sich deshalb, diese Phase nicht bloß als Wartezeit auf den Frühling zu betrachten – der übrigens auch Erstfrühling genannt wird. Der Vorfrühling kann vielmehr eine kleine Schule der Aufmerksamkeit sein.

Wer in diesen Tagen hinausgeht, entdeckt eine Landschaft im Übergang: noch winterlich im Erscheinungsbild, aber bereits durchzogen von den ersten Regungen des kommenden Wachstums.

Gerade diese leisen Veränderungen zu beobachten, gehört zu den stillen Vergnügungen eines aufmerksamen Naturbeobachters.

Und hier verrate ich noch einen kleinen, aber bemerkenswerten Trick.

Nebensächlichkeiten erkennen lernen – in zwei Minuten

Versuche einmal folgendes kleines Experiment.

Schau dich zunächst ruhig in deiner Umgebung um. Nimm die Landschaft wahr, wie du sie gewöhnlich wahrnimmst.

Richte dann deinen Blick auf einen noch kahlen Baum in einiger Entfernung. Schaue in seine Krone vor dem Himmel.

Konzentriere dich dabei nicht auf die Zweige und Äste selbst. Richte deine Aufmerksamkeit stattdessen auf die hellen Zwischenräume zwischen dem Geäst.

Versuche dort Formen zu erkennen und sie bekannten Dingen zuzuordnen – Figuren, Gegenstände oder einfache geometrische Muster.

 

Geäst am kahlen Baum
Schau auf die hellen Zwischenräume

Wenn du nach einer Weile den Blick wieder in deine Umgebung schweifen lässt, wirst du feststellen, dass sich deine Wahrnehmung verändert hat. Plötzlich treten überall kleine Nebensächlichkeiten hervor, die du zuvor übersehen hast: ein ungewöhnlicher Schatten, eine Struktur in der Rinde, eine kleine Pflanze am Wegesrand.

Die Aufmerksamkeit hat sich gewissermaßen neu justiert.

Und zum Schluss bleibt eine kleine Frage:
Ob sich diese Art des Fokussierens – dieses bewusste Umschalten der Wahrnehmung – nicht auch im Alltag kultivieren ließe. Denn oft sind es gerade die unscheinbaren Dinge, in denen sich das Interessante verbirgt.

 

Optical illusion card The Eagle of the Republic
USA 1865: „DER ADLER DER REPUBLIK.“ … Achte auf Details.

Was ist auf der Karte aus dem Jahr 1865 zu sehen? Die Kralle des Adlers ruht auf dem Gesicht von Jefferson Davis, dem Präsidenten der Konföderation. Die Flügel des Adlers umreißen die Profile von George Washington auf der linken Seite und Abraham Lincoln auf der rechten Seite. 

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