Impuls zum 1. Februar – die Lichtmess-Zeit – den Rhythmus neu finden

Hektische Szene in der Stadt und ruhige Landschaft

[Tages-Impuls]

Der Takt stimmt nicht

Das neue Jahr beginnt – offiziell – am 1. Januar.
Doch kaum hat es begonnen, ist es auch schon außer Takt.

Der Weihnachtstrubel ist vorbei, die Rauhnächte sind verklungen, Silvester liegt hinter uns – und was bleibt, ist nicht Sammlung, sondern Beschleunigung. Der Alltag schlägt zu, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.

Der falsche Beginn

Vielleicht liegt das Problem nicht an uns.
Vielleicht liegt es am falschen Rhythmus.

Lichtmess – am 2. Februar – ist heute für viele ein unbekannter Punkt im Kalender. Und doch war es über Jahrhunderte einer der entscheidenden Wendepunkte im Jahr. Nicht kirchlich gedacht, sondern lebenspraktisch:

Lichtmess markierte den Beginn des bäuerlichen Wirtschaftsjahres. Erst hier begann man wirklich neu zu rechnen, neu zu planen, neu zu handeln. Nicht mitten im Winter, sondern dort, wo das Licht spürbar zurückkehrt.

 


Der Tag beginnt nicht am Morgen

Wichtig ist dabei etwas, das wir fast verlernt haben:
Der neue Tag begann nicht am Morgen, sondern am Abend zuvor [1].
Der Übergang geschah im Stillwerden, nicht im Aufbruch. Erst kam die Sammlung – dann der neue Tag.

Vielleicht liegt genau hier eine vergessene Möglichkeit für uns heute.

Wenn der erste Ansturm des Jahres vorüber ist, wenn etwas Abstand entstanden ist, bietet Lichtmess eine zweite Schwelle:
Nicht als Wiederholung von Silvester, sondern als Korrektur.
Nicht als Vorsatzfabrik, sondern als Rückkehr in den eigenen Takt.

Rhythmus ist keine Stimmung

Der Lichtmess-Abend könnte der Moment sein, an dem das neue Jahr wirklich beginnt.
Nicht mit Lärm, sondern mit Bewusstsein.
Nicht im Kopf, sondern im Rhythmus [2].

Den Tag zuvor beginnen lassen – das wäre kein Rückschritt, sondern eine Erinnerung daran, dass jeder Neubeginn Raum braucht, bevor er Form annimmt.

„Und es ward Abend und es ward Morgen: ein neuer Tag.“
(Genesis 1,5)

— — —

[1] Die Idee und das Zeitempfinden, dass der neue Tag mit dem Abend beginnt, findet sich nicht nur in der Bibel, sondern auch bei den Germanen der Antike → Lichtmess – Vorabend

[2] Ab Lichtmess werden die Tage wieder merklich länger. Mit einer Lichtdank-Feier beginnt zu Lichtmess traditionell das bäuerliche Wirtschaftsjahr; es endet mit Martini.
Der Name Lichtmess leitet sich ab von alten Bräuchen wie der Lichtmesse, der Lichtprozession oder dem Lichtdank. Die heutigen Lichtmessfeiern der katholischen Christen beginnen gewöhnlich schon am Abend des 1. Februars mit einer Vorabendmesse, um die Feierlichkeiten einzuleiten.
Wer daheim Lichtmess feiern möchte, der entzünde eine Kerze und bereite sich dazu – ohne Hektik – eine Tasse heißen Tee. Eine einzelne Kerze genügt. Sie steht nicht für Romantik, sondern für Maß: Das Licht kehrt zurück – noch schwach, aber verlässlich. Kein Programm, keine Texte, kein Vorsatzkatalog. Ein paar Minuten Schweigen reichen, um den eigenen Takt wieder zu hören.

[3] Ein Lichtmess-Gedicht von Ina Seidel

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert