Tages-Impuls – Von der Jagd zur Unbefangenheit: Warum das Ziel uns erst entgegenkommt, wenn wir aufhören zu suchen

Wanderweg duch eine duftende Wiesenlandschaft

[Tages-Impuls]

In dem kleinen kurzweiligen Büchlein Der Papalagi · Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii (1920) – ich rezensierte es neulich – beschreibt Erich Scheurmann den Europäer als einen, der durch sein Leben jagt – rastlos, zielbesessen, ständig im Begriff, irgendwo anzukommen.

Und er spricht vom fröhlichen und unbefangenen Sichbewegen auf das Ziel, das uns entgegenkommt, das wir nicht suchen.

«So jagt der Papalagi durch sein Leben ohne Ruhe, verlernt immer mehr das Gehen und Wandeln und das fröhliche Sichbewegen auf das Ziel, das uns entgegenkommt, das wir nicht suchen.»

In diesem Gedanken liegt ein anderes Lebensgefühl.

Wir sind es gewohnt, Ziele zu setzen, sie festzulegen, zu verfolgen.
Das Ziel wird zum Punkt in der Ferne, den wir erreichen müssen.
Der Weg dazwischen verliert an Bedeutung – er wird zur Strecke, die es zu überwinden gilt.

 


Unbefangen gehen heißt dagegen: wach sein, ohne getrieben zu sein.
Tätig sein – aber innerlich frei.

Unbefangenheit ist keine Ziellosigkeit.
Sie ist eine Form innerer Autarkie.
Wer unbefangen handelt, steht nicht unter dem ständigen Druck, schnell „Ergebnisse“ vorweisen zu müssen – etwas abrechnen zu müssen, den Wert ermessen zu müssen.
Er ist auch weniger gefangen in den subtilen Erwartungen der Menschen seiner Umgebung.

 

Weg mit Menchen im Park

Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag:
Wer unbedingt einen bestimmten neuen Job bekommen will, ist oft so sehr auf dieses eine Ergebnis fixiert, dass er andere Möglichkeiten übersieht – ein Gespräch, das sich zufällig ergibt, eine Tätigkeit, die unerwartet Freude macht, eine Fähigkeit, die sich nebenbei zeigt.
In der starken Fixierung auf das große Ziel gehen die kleinen, gegenwärtigen Schritte und Chancen oft unbemerkt vorüber.

So verändert sich das Ziel.
Es ist nicht mehr etwas, das erobert werden muss.
Es klärt sich im Gehen.
Manches kommt uns entgegen, wenn wir nicht jagen, sondern aufmerksam bleiben.

Vielleicht liegt Freiheit weniger im Ankommen –
als im wachen, unabhängigen Unterwegssein.

«Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.» (Psalm 127, 2)

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