Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort …
Und: Warum träumst Du noch?
Ich habe mir einmal erlaubt, das wunderschöne Gedicht „Wünschelrute“ von Joseph von Eichendorff (siehe unten) mit einer kleinen Frage vorzeitig abzuschneiden: Warum träumst Du noch?
Diese Ergänzung ist nicht willkürlich, denn sie verfolgt eine Absicht. Doch zunächst noch ein paar Gedanken zum vollständigen Gedicht.
Der besondere Reiz dieses berühmten Vierzeilers liegt gerade darin, dass jeder Leser eine Ahnung davon hat, was der Dichter mit seinen Andeutungen gemeint haben könnte – ohne dass er es ausdrücklich sagt.
Die schlafende Natur
Zunächst lässt sich das Gedicht ganz unmittelbar lesen. Es spricht von der Natur, die noch schläft. Nach dem Winter ruht sie in der Erde, in den kahlen Zweigen der Bäume und Sträucher. Noch scheint alles still zu sein. Und doch liegt bereits etwas darin verborgen – ein Lied, das nur darauf wartet, wieder zu erklingen.
Die Romantik liebte solche Bilder. In ihnen erscheint die Welt nicht als totes Material, sondern als etwas innerlich Lebendiges.
Die schlafende Nation – oder der einzelne Mensch
Manche Deutungen gehen weiter. Sie sehen in Eichendorffs Versen von 1835 auch eine Anspielung auf die schlafende deutsche Nation – auf den sprichwörtlichen „deutschen Michel“, der erst noch erwachen müsse.

Die „Wünschelrute“ der Psychologie
In diesem Sinne könnte die Wünschelrute auch ein Bild für Methoden sein, mit denen Menschen ihre eigenen Möglichkeiten aufspüren. Die Psychologie kennt tatsächlich einige solcher Techniken: Meditation, Visualisierung, Autosuggestion oder andere Formen der Selbstbeobachtung. Sie sollen helfen, verborgene Potentiale sichtbar zu machen.
Doch man muss es vielleicht gar nicht so geheimnisvoll formulieren.
Die einfachste Methode
Es gibt nämlich eine erstaunlich schlichte Methode, um herauszufinden, was in einem steckt: Ausprobieren.
Viele Fähigkeiten entdeckt man erst im Tun. Nicht im Grübeln, nicht im Planen – sondern mitten in der Wirklichkeit. Das gilt für die großen Talente ebenso wie für die Ordnung in unserem direkten Umfeld. Plötzlich merkt man:
… dass man gut erklären kann, wenn andere verstehen, was man ihnen zeigt.
… dass man handwerkliches Geschick besitzt, wenn etwas gelingt.
… dass man schreiben kann, wenn andere gern lesen, was man formuliert.
… oder dass man organisieren kann, wenn Menschen sich auf einen verlassen.
Das Leben selbst ist oft die verlässlichste „Wünschelrute“.
Die Trägheit des Träumens
Und doch bleibt eine Frage: Was hindert uns eigentlich daran, uns selbst häufiger auszuprobieren? Oft sind es Träumereien. Nicht die schöpferischen Träume – sondern jene bequemen Vorstellungen, nach denen irgendwann einmal der große Wurf gelingen wird. Wenn nur erst dies oder jenes stimmt. Wenn die Umstände günstiger sind. Wenn die Zeit reif ist. Dann, so glaubt man, werde plötzlich etwas Großes entstehen.
Gewiss – auch das kann geschehen. Doch der Dichter schreibt nicht: Schläft ein großes Lied in allen Dingen. Er schreibt: Schläft ein Lied in allen Dingen.
Die kleinen Zauberwörter
Vielleicht meint er damit gerade die kleinen Dinge des Alltags. Die Dinge, die ebenfalls darauf warten, vom Traum in die Wirklichkeit geholt zu werden. Denn auch in der Lebenswelt, die uns täglich umgibt, schläft eine Natur-Ordnung – ein „Lied“, das verstummt ist, weil wir es unter Stapeln von Altem begraben haben.
Vielleicht ist es heute gar nicht das große Lebenswerk. Vielleicht ist es nur die Wohnung, die einmal gründlich geordnet werden müsste. Die Regale, die sich über Jahre gefüllt haben. Die Dinge, die man längst nicht mehr braucht. Manche würden es japanischen Minimalismus nennen oder auf die Greg-McKeown-Idee verweisen, die da sagt: „weniger Dinge, weniger Verpflichtungen“.
Und wie war doch gleich das Zauberwort? Vielleicht lautet es ganz unspektakulär: Ich probiere es einmal aus.
Wünschelrute
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort
Joseph von Eichendorff, 1835
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„Alles, was dir vor die Hände kommt zu tun, das tue mit deiner Kraft.“
(Bibel, Prediger 9,10)
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