Symbolbid: Neolithische Bauern. In Südeuropa entfalteten sie ihre Agrarkultur zu Beginn und in Mitteleuropa am Ende atlantischen Warmzeit. Siehe Grafik 3).
Vorweg bemerkt
Das Atlantikum bezeichnet eine Klimaphase (auch Klimastufe) innerhalb des Holozäns, die ungefähr von 8000 bis 5000 v. Chr. – in manchen Darstellungen bis etwa 4000 v. Chr. – andauerte.
Sie gilt als das Klimaoptimum des Holozäns, eine Zeit relativ hoher Temperaturen und Feuchtigkeit, mit regional bis zu 2–4 °C höheren Sommertemperaturen als heute in Nordeuropa (siehe Grafik 1 unten). Begüstigt war diese Warmzeit durch die sogenannten Milanković-Zyklen, die ich gesondert thematisiert habe.
Charakteristisch war die weite Ausbreitung von Laub- und Mischwäldern, vor allem Eichenmischwäldern, die das Bild Nordeuropas prägten.

Das Atlantikum
Geographischer Bezug
Das Atlantikum bezieht sich nicht auf das globale Klima, sondern beschreibt vor allem eine europäische, bzw. nordeuropäische Klimastufe, die durch regionale Faktoren wie die Nähe zum Atlantik und das Abschmelzen der letzten Eisschilde geprägt war.
Zeitgleich kam es jedoch in anderen Teilen der Welt zu eigenständigen Klimaentwicklungen: Während Mitteleuropa ein warm-feuchtes Optimum erlebte, herrschten im Mittelmeerraum, in Vorderasien oder in Afrika teils abweichende, teils parallele Bedingungen. In Vorderasien entsprach diese Phase der frühen holozänen Feuchtzeit, in der sich Savannen und große Binnenseen ausbildeten – ein Zeitraum, der gegen Ende des Atlantikums allmählich in eine zunehmende Austrocknung überging.
Das Atlantikum, jene warme und feuchte Klimaperiode zwischen etwa 8000 und 5000 v. Chr., markiert eine Schlüsselzeit in der Entwicklung Mitteleuropas nach der Eiszeit. In dieser Epoche erreichten die Temperaturen ihren Höhepunkt im Holozän – dem geologischen Abschnitt, der unsere heutige Warmzeit umfasst. Im Durchschnitt war es 1 bis 2 Grad wärmer als heute; das Klima insgesamt ausgeglichen und wachstumsfördernd. So entstand eine dichte, artenreiche Vegetationsdecke, wie sie Mitteleuropa nur selten wieder erlebt hat.
Die Zeit davor: 14 500 v. Chr. bis 9000 v. Chr.
Dem Atlantikum ging eine lange Zeit des Wandels voraus. Zwischen dem Ende der Eiszeit um 14 500 v. Chr. und dem Beginn dieser stabilen Warmphase schwankte das Klima mehrfach stark: Auf abrupte Erwärmungen folgten immer wieder kurze Rückfälle in Kälteperioden. Erst nach dem letzten großen Kälteeinbruch – der sogenannten Jüngeren Dryaszeit um 10 000 v. Chr. – stellte sich das stabile Klima ein, das den Beginn des Holozäns markiert.
Diese Übergangszeit war die eigentliche Geburtsstunde der europäischen Landschaft, wie wir sie heute kennen. Die Gletscher zogen sich zurück, Flüsse formten ihre heutigen Täler, und aus den offenen, trockenen Steppenlandschaften der Eiszeit entstanden zunehmend geschlossene Wälder. Auch die Tierwelt wandelte sich: Mammuts, Wollnashörner und Rentiere verschwanden, während Reh, Wildschwein und Rothirsch das Bild der Wälder prägten.
Das Atlantikum steht somit am Endpunkt einer langen Reihe klimatischer Umbrüche – und zugleich am Beginn jener Umwelt, die den Menschen die Grundlage für Ackerbau, Siedlung und die ersten bäuerlichen Kulturen Mitteleuropas bot.
Der Mensch im atlantischen Klima
Etwa gleichzeitig mit diesen ökologischen Veränderungen kam es auch zu einer kulturellen Revolution. Im Gebiet des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds und in Anatolien begannen die Menschen sesshaft zu werden. Neben ihren wohl schon vorhandenen Fähigkeiten, Getreide und Hülsenfrüchte anzubauen, domestizierten sie erste Haustiere.
Von diesem Ursprungsgebiet aus breiteten sich diese sogenannten anatolischen Bauern seit etwa 9000 v. Chr. mit ihrer bäuerlichen Lebensweise über Land und Mittelmeer nach Europa aus.

So ließen sich etwa Kolonisten aus Anatolien ab ca. 7500 v. Chr. in den Ebenen Thessaliens (Griechenland) nieder. Von hier aus entwickelt sich interessanterwesie in einer kühleren Periode des Atlantikums (6200–5800 v. Chr.) die erste alteuropäische Zivilisation – die sogenannte Donauzivilisation.
Mit dem Ausklang des Atlantikums entfaltete sich die aus Anatolien stammende Agrarkultur bis ins nördliche Europa hinein. Dieser Zweig entwickelte eine ausgeprägte Megalithkultur.

Getrieben war diese Expansion vor allem durch das Bevölkerungswachstum der neolithischen Bauern, die sich – und das ist durch Archäogenetik gut belegt – in der Regel Frauen aus der indigenen Bevölkerung wählten.
Dieser Prozess war begleitet von zahlreichen technischen und kulturellen Neuerungen: geschliffene Steinwerkzeuge, die Entwicklung besserer Keramik-Brenntechniken und eine zunehmende Sesshaftigkeit.
Die Menschen begannen, dauerhafte Siedlungen zu errichten und ihre Gemeinschaften sozial zu organisieren. Damit begann der lange Prozess, in dem die natürliche Waldlandschaft schrittweise in eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft überging – eine Entwicklung, die bis heute andauert.
Die Klimakurve des Holozäns
Ein Blick auf die Temperaturverläufe des Holozäns für Nordwesteuropa (nach H. J. J. G. Holm, 2018) zeigt die Besonderheit des Atlantikums deutlich. Die Kurve belegt:
- einen raschen Temperaturanstieg nach der Eiszeit,
- mehrere kurze Kälteeinbrüche, etwa das 8,2-Kilojahr-Ereignis um 6200 v. Chr.,
- und danach ein deutliches Wärmeplateau, das bis heute nicht wieder erreicht wurde.

Diese Erkenntnisse stammen aus verschiedenen Klimaarchiven (Proxies):
Eiskernanalysen aus Grönland, Untersuchungen der Höhenlage von Baumgrenzen in den Alpen und Beobachtungen von Gletscherbewegungen.
Alle zeigen dasselbe Bild: Das Atlantikum war der wärmste Abschnitt der gesamten Warmzeit nach der Eiszeit – ein Klimaoptimum, dem spätere Jahrtausende nicht mehr gleichkamen.
(Quelle: Wikipedia – 8.2 kiloyear event; Abbildung nach Hans J. J. G. Holm, Wikimedia Commons)
Zwischenfazit
Das Atlantikum war Europas grüne Klimaperiode – eine Zeit, in der Natur und Mensch in einer seltenen Balance standen. Wälder breiteten sich bis in die Hochlagen aus, Tiere und Pflanzen fanden stabile Lebensräume, und der Mensch nutzte die günstigen Bedingungen, um Ackerbau und Sesshaftigkeit zu entwickeln.
Diese Epoche war kein isoliertes Ereignis, sondern der Höhepunkt einer langen Entwicklung, die mit dem Ende der Eiszeit begann. Aus einer kargen, kalten Steppe entstand binnen weniger Jahrtausende die üppig bewaldete Landschaft Mitteleuropas – ein ökologisches Ideal, dem sich spätere Jahrhunderte nur noch annähern konnten.
Gesamtschau auf den Planeten (ca. 8000–5000 v. Chr.)

Hinweis: Die sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen auf dem Globus, wie sie unten dargestellt sind, werden u.a. durch die sogenannten Milanković-Zyklen bedingt:
Nördliche Hemisphäre
Ostkanada und Grönland:
Das Klima war wärmer (+3–5 °C im Sommer) und feuchter, mit stark reduziertem Eisschild und einer Ausbreitung der Vegetation (Übergang von Tundra zu borealen Wäldern). Verstärkte atlantische Strömungen (z. B. Irmingerstrom) und hohe Sonneneinstrahlung (Insolation) trieben die Erwärmung.
Europa bis Vorderasien:
Das Klima war wärmer (+2–4 °C) und feuchter, begleitet von einer Ausbreitung der Laubwälder (Eichenmischwälder in Mitteleuropa) und erhöhtem Niederschlag infolge der atlantischen Zirkulation sowie einer nach Norden verschobenen ITCZ. In Vorderasien kam es zu einer Ausweitung von Savannen und Binnenseen – ein Effekt der holozänen Feuchtzeit, bevor gegen Ende des Atlantikums eine Trockenwende einsetzte.
Zentralasien:
Feuchter und wärmer als heute, mit höheren Seespiegeln (z. B. Issyk-Kul), Steppenexpansion und stärkerem Monsuneinfluss. Um 5000 v. Chr. begann eine zunehmende Austrocknung. Ursache waren veränderte Westwinde und weiterhin hohe Insolation.
Nordpazifik:
Wärmer (SST +2–4 °C), mit trockenerem Klima im Nordwesten Amerikas (PNW/Alaska), feuchteren Bedingungen im Südwesten Nordamerikas (pluviale Seen) und einem verstärkten Ostasiatischen Monsun. Dynamische Meeresströmungen (z. B. California Current System) und Waldexpansion prägten das Bild, angetrieben durch hohe Insolation.
Tropengürtel
Afrika:
Während der sogenannten African Humid Period war der tropische Gürtel Afrikas deutlich feuchter. Der Monsun verstärkte sich, die Sahara wurde zur „Grünen Sahara“ mit Seen, Savannen und reicher Vegetation. Die Meeresoberflächentemperaturen im tropischen Atlantik lagen um +1–2 °C höher – verursacht durch eine nach Norden verschobene ITCZ und erhöhte Insolation.
Vorder- bis Hinterindien und Südchina:
Feuchter durch intensiveren Indischen und Ostasiatischen Monsun, mit wärmeren SST (+0,5–2 °C) im Indischen Ozean und in der Südchinesischen See. Dies führte zu einer Ausbreitung von Savannen und Wäldern, getrieben durch die hohe Sonneneinstrahlung und eine nordwärts verlagerte ITCZ.
Amerikanischer Tropengürtel (Zentral- und Südamerika):
Durch die nördlich verschobene ITCZ herrschten trockene Bedingungen im Amazonasgebiet und in Südostbrasilien, während die nördlichen Anden und die Karibik feuchter waren. Die SST lagen im tropischen Atlantik und Pazifik um +1–2 °C höher; die Monsunaktivität schwankte regional stark.
Südliche Hemisphäre
Süd-Atlantik:
Das Klima war wärmer (SST +1–3 °C), begleitet von einem verstärkten Südamerikanischen Monsun (SAMS) und höheren Niederschlägen im östlichen Südamerika (SACZ-Erweiterung), während Südafrika trockener war. Wechselwirkungen zwischen Dipol-Modi bestimmten die Niederschlagsverteilung; Wälder und Savannen dehnten sich trotz geringerer Insolation aus.
Südpazifik:
Wärmer (SST +1–3 °C südlich der Subtropischen Front) mit schwächerem ENSO. Daraus ergaben sich stabilere, feuchtere Bedingungen in Australien (bis ca. 5000 v. Chr.) und Neuseeland (reduzierte Westwinde). Höherer Niederschlag und Vegetationsausbreitung dominierten – trotz der geringeren Sonneneinstrahlung auf der Südhalbkugel.
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