Die „Broad Spectrum Revolution“ (BSR) erklärt. Vom Großwildjäger zum Wilbeuter und Pflanzer.

Hütten im Mesolithikum

Bild: Nachgebaute Siedlung aus dem Ende der mittleren Steinzeit (Mesolithikum) im niederländischen Archäon [1].

[um 10000 BC] [Mesolithikum]

Die Mesolithische Ernährungswende

Es ist immer wieder spannend zu beobachten, dass der aufmerksame Leser populärwissenschaftlicher Literatur und Dokumentationen gelegentlich auf Thesen stößt, von denen er – obwohl keineswegs neu – noch nie im Leben etwas gehört hat.

So erging es mir – und in diesem Fall handelt es sich um eine gut fünfzig Jahre alte Hypothese zur Entstehung der Landwirtschaft: die sogenannte „Broad Spectrum Revolution (BSR)“ – wörtlich übersetzt etwa „Revolution im breiten Spektrum“.

 


Eine allgemein gebräuchliche deutsche Übersetzung gibt es bislang nicht, doch eine solche wäre durchaus sinnvoll. Ich selbst verwende hier nun den Begriff „Mesolithische Ernährungswende“, weil er den Kern der Idee – die Ausweitung und Vielfalt der Nahrungsquellen – für die Allgemeinheit vielleicht verständlicher wiedergibt. (Mesolithikum = mittlere Steinzeit)

Bemerkenswert ist, dass diese These aus der rund dreißig Jahre älteren und inzwischen überholten Theorie der „Neolithischen Revolution“ hervorgegangen ist. Jener Begriff hat sich, obwohl es diese „Revolution“ in dieser Form nie gegeben hat, bis heute in der populärwissenschaftlichen Literatur gehalten. Die „Broad Spectrum Revolution“ hingegen blieb im deutschsprachigen Raum weitgehend unbeachtet.

Sei es drum – hier soll sie nun vorgestellt werden. Denn tatsächlich beschreibt diese Mesolithische Ernährungswende einen der bedeutsamsten Übergänge der Menschheitsgeschichte: den Wandel von spezialisierten Großwildjägern zu vielseitigen „Jäger-Sammler-Gärtnern“ am Ende der letzten Eiszeit.

 

Grotte Chauvet wollnashorn
Etwa 30.000 Jahre alte, kunstvoll ausgeführte Darstellung von Wollnashörnern in der französischen Chauvet-Höhle (Grotte Chauvet–Pont d’Arc, im Übergangsbereich zwischen Steppe und offenen Wäldern). Die Eiszeitkunst zählt zu den ältesten bislang bekannten Höhlenmalereien der Welt. Solche Artefakte weisen zudem auf den hohen kulturellen Entwicklungsstand der damaligen Großwildjäger hin. [2]
Da mir diese These grundlegend erscheint, möchte ich sie hier im Inhortas-Blog zunächst in vereinfachter Form erläutern.

Eine Welt im Wandel

Stellen wir uns die Welt vor rund 15.000 Jahren vor: Die Eiszeit geht zu Ende, das Klima wird milder, Wälder breiten sich aus, und die großen Tiere, auf die sich die Menschen bislang verlassen hatten – Mammuts, Bisons, Rentiere – werden seltener oder verschwinden ganz.

Für die damaligen Jägergemeinschaften bedeutete das eine gewaltige Umstellung. Ihre bisherige Lebensweise – in gewisser Weise durchaus „bequem“, da sie auf wenigen großen Beutetieren beruhte – konnte irgendwann die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren. Zudem verdarb Fleisch, was beim Großwild nach nach einem Jagdausflug sofort in großen Mengen anfiel, im wärmeren Klima deutlich schneller. Neue Strategien waren nötig, um zu überleben.

Was meint „Broad Spectrum Revolution“?

Der Archäologe Kent Flannery (geb. 1934) prägte in den 1960er Jahren den Begriff „Broad Spectrum Revolution“, wörtlich etwa „Revolution des breiten Spektrums“. Gemeint ist damit kein plötzlicher Umsturz, sondern ein allmählicher, aber weitreichender Wandel:

Die Menschen begannen, eine größere Vielfalt an Nahrungsquellen zu nutzen. Statt nur große Tiere zu jagen, sammelten sie nun auch Muscheln, Beeren und Nüsse, jagten kleinere Tiere, fingen Fische und nutzten zunehmend wilde Getreidearten – also die Vorläufer unseres heutigen Weizens und anderer Kulturpflanzen.

Diese Öffnung gegenüber der Vielfalt war eine Anpassung an die neuen Umweltbedingungen – und zugleich der erste Schritt in Richtung Sesshaftigkeit und Landwirtschaft.

Warum war das so wichtig?

Mehr Vielfalt bedeutete größere Sicherheit: Wenn eine Nahrungsquelle ausblieb, standen viele andere zur Verfügung. Die Ernährung wurde breiter, die Versorgung verlässlicher.

Zugleich veränderte sich der Alltag. Menschen begannen, an bestimmten Orten länger zu bleiben, einfache Hütten zu bauen, Vorräte zu lagern und Pflanzen gezielt zu fördern – etwa, indem sie konkurrierende Kräuter entfernten oder besonders ertragreiche Halme stehen ließen. So entstand langsam das, was man als Vorform des Gartenbaus bezeichnen kann.

Wo geschah dieser Wandel?

Die Mesolithische Ernährungswende lässt sich besonders gut in kulturellen Randzonen [3] beobachten – also in Gebieten, die nicht zu den klassischen Jagdparadiesen gehörten: an Küsten, in Flusslandschaften oder trockenen Regionen.

In den Großwild-Jagdgebieten, etwa in denen der Levante (Arabische Halbinsel) zur späten Eiszeit (ca. 20.000–13.000 BC), war das Leben zunächst bequem. Doch mit zunehmender Bevölkerungsdichte wanderten Gruppen in weniger günstige Gegenden ab. Dort, wo es weniger Großwild gab, mussten sie erfinderisch werden – sie sammelten Muscheln, gruben Wurzeln aus, fingen Fische und nutzten, was die Natur anbot.

Gerade in den Randzonen der Levante, im Hügelland*, entstanden viele Innovationen: neue Werkzeuge (z. B. feinere Netze, Angelhaken, Mahlsteine), Arbeitsteilung (der eine fischt, der andere sammelt) und wohl auch erste gemeinschaftliche Feste, bei denen Nahrung geteilt wurde. Diese Regionen wurden zu Experimentierfeldern der Zukunft – hier wuchs das Wissen, aus dem später die Landwirtschaft hervorging.

*[Das Tiefland von Südmesopotamien war z.B. in der Frühzeit noch vor etwa 9000 Jahren ein weitläufiges Sumpfgebiet mit saisonal wechselnden Überschwemmungen, stehenden Gewässern und „verseucht“ mit Mücken, Malaria und Hitze.]

Vom Spezialisten zum Allrounder

Die Broad Spectrum Revolution war keine plötzliche „Revolution“, sondern ein leiser, aber grundlegender Wandel. Die Menschen lernten, vielfältiger zu denken und zu wirtschaften – sie wurden vom spezialisierten Großwildjäger zum vielseitigen Kleintierjäger, Fischer, Sammler und „Gärtner“.

Ohne diesen Schritt gäbe es wohl keine Äcker, keine Dörfer, keine Städte – und keine Kultur, wie wir sie kennen. Es ist jener unscheinbare, aber entscheidende Übergang, an dem der Mensch begann, seine Umwelt aktiv zu gestalten.

Quellen und Erläuterungen

Die Quellen werden noch geordnet:

[1] https://www.archeon.nl/ Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File: Archeon_8000_years_BC.jpg („Archeon, zeigt eine Nachbildung eines Hauses 8000 Jahre v. Chr.“)

[2] Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/ wiki/File: Rhinos_Chauvet_Cave.jpg; siehe auch Chauvet-Höhle (wikipedia),

[2b] Beschreibungen der Felsbilder bei Grokipedia


Um sich mental in die Zeit dieser Großwildjäger hineinzuversetzen, lohnt es die einmalige Filmdoko über die Chauvet-Höhle anszuschaen. Hier
der Kino-Trailer zu dem Film „Die Höhle der vergessenen Träume“. Quelle: Youtubekanal vipmagazin Kino; „DIE HÖHLE DER VERGESSENEN TRÄUME [2011] | Trailer & Filmclips [HD]“

[2b] „Hunderte von Tierdarstellungen wurden katalogisiert, die mindestens 13 verschiedene Arten zeigen, darunter einige, die in anderen Malereien der Eiszeit selten oder nie zu finden sind. Anstatt nur die bekannten Pflanzenfresser abzubilden, die in der paläolithischen Höhlenkunst vorherrschen, wie Pferde, Auerochsen, Mammuts, Nashörner usw., zeigen die Wände der Chauvet-Höhle viele Raubtiere, z. B. Höhlenlöwen, Leoparden, Bären und Höhlenhyänen.“ [2b]


[3] Solche „Randzonen“ – also marginale oder peripherische Gebiete wie Küsten, Flusslandschaften und trockene Regionen – spielen übrignes auch in der Zivilisationsgeschichte eine zentrale und oft unterschätzte Rolle. Sie waren nicht nur Schauplätze der Broad Spectrum Revolution, sondern dienten als „Inkubatoren“ für Innovationen, die den Übergang von Jäger-Sammler-Gesellschaften zu sesshaften, landwirtschaftlich geprägten Zivilisationen ermöglichten.

  • https://en.wikipedia.org/wiki/Broad_spectrum_revolution
  • https://en.wikipedia.org/wiki/Kent_Flannery
  • https://en.wikipedia.org/wiki/V._Gordon_Childe
  • https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89conomie_de_la_Pr%C3%A9histoire
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Pflanzerkultur
  • https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.121176198 (Dreißig Jahre nach der „Breitbandrevolution“ und der paläolithischen Demografie)
  • https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC470712/

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