Ich nehme das Fazit mal vorweg: Die Idee, dass die Digitalisirung in unserem Land die Produktivität revolutionär erhöht hat stimmt nicht. Und nicht die (kleinen) Unternehmen versagen bei der Digitalisierung – die Systeme tun es. Wenn man als Selbständiger für etwas so Banales wie das DSGVO- und GoBD-gerechte Abspeichern eines Dokumentes 15 Minuten oder länger braucht, liegt das Problem nicht beim Nutzer.
Um solche Probleme aus der Welt zu schaffen … macht man bei uns was? Man benennt man es wissenschaftlich (z.B. Produktivitätsparadoxon der Digitalisierung) und hat damit das Problem gelöst … oder?
Es sagt die Bundesbank – nicht ich:
Wie vermutlich viele meiner Leser auch, höre ich oft in den verschiedensten Gesprächsgruppen von der großartigen Digitalen Revolution. Alles gehe heute schneller, effizienter, produktiver, heißt. Doch, wenn ich dann regelmäßig als kleiner Selbstständiger das Gegenteil behaupte, werde ich freundlich belächelt und liebevoll aufgeklärt, dass ich das nur „falsch wahrnehme“.
Dabei ist meine Wahrnehmung ziemlich klar: Für viele kleine Unternehmen hat die Digitalisierung bisher erstaunlich wenig gebracht. Genau deshalb habe ich mir vorgenommen, hier auf dem Inhortas-Blog Beispiele zu sammeln, die zeigen, wie groß die Lücke zwischen Versprechen und Realität ist.
Interessant ist: Die Idee, dass man in der Wirtschaft insgesamt gar nicht so viel von der Digitalisierung spürt, stammt nicht von mir. Ich bin erst durch eine Studie der Deutschen Bundesbank darauf gestoßen. Und davon soll heute die Rede sein.
Wenn der große Sprung ausbleibt
Das sogenannte Produktivitätsparadoxon der Digitalisierung – so sagen es die Ökonomen – beschreibt etwas Erstaunliches: Obwohl Unternehmen seit Jahren massiv in digitale Technik investieren, bleibt der gesamtwirtschaftliche Produktivitätsschub weitgehend aus.
Die Bundesbank fand in ihren Analysen: Von den 1970er Jahres an gab es duchaus eine Steigerung der Produktivität, doch spätstens ab 2005 wirkte der Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitsproduktivität in Deutschland nur moderat.
Mit anderen Worten: Viel Aufwand, wenig nachweisbarer Nutzen – zumindest in den letzten 20 Jahren.
Warum das so ist, lässt sich auf drei Punkte herunterbrechen, wie es in den Berichten der Bundesbank zu lesen ist:
- Die Gewinne landen bei wenigen.
Bei digitalen Vorreiterunternehmen wirken neue Technologien tatsächlich stark. In vielen anderen Bereichen aber kaum – oder nur mit Verspätung. - Digitalisierung braucht Anlaufzeit.
Bevor ein neues System etwas bringt, müssen Prozesse angepasst, Mitarbeiter geschult und Übergangsstrukturen gepflegt werden. Das kostet erst einmal Kraft und Zeit. - Manche Effekte sieht man einfach nicht.
Höhere Qualität, kostenlose digitale Dienste oder Zeitersparnisse tauchen in den statistischen Kennzahlen nur unvollständig auf.
Ein Beispiel: Der Bankensektor
Selbst Banken – eigentlich prädestiniert für digitale Effizienz – kämpfen damit. Trotz Automatisierung und Filialabbau bleibt die Eigenkapitalrendite im deutschen Bankwesen eher bescheiden. Das bestätigt: Digitalisierung ist kein Sofortgewinn, sondern eher eine langfristige Grundvoraussetzung, um am Markt überhaupt bestehen zu können.
Zu allen Problemen kommt aber noch hinzu – und das ist meine Beobachtung:
1. Die sogenannte Software-Entropie. Sie bezeichnet die natürliche Tendenz von Software, im Laufe der Zeit schwieriger wartbar, fehleranfälliger und komplexer zu werden, insbesondere durch häufige Änderungen, fehlendes Refactoring oder wachsende Abhängigkeiten zwischen Modulen. Sie ist analog zur physikalischen Entropie als Maß der Unordnung zu verstehen.
Maßnahmen wie Refactoring, modulare Architektur, automatisierte Tests und gute Dokumentation helfen, die Software-Entropie zu begrenzen … heißt es. So technisch, wie es klingt, es scheint nicht die Lösung zu sein. Die Dysfunktionalitäten im digitalen Bereich nehmen derzeit dramatisch zu!
2. Der sogenannte Technostress. Er bezeichnet die psychische und physische Belastung, die durch die Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien entsteht (nicht nur, wenn sie dysfunktional sind). Dazu zählen Stressreaktionen durch ständige Erreichbarkeit, Informationsüberflutung, hohe Geschwindigkeit von Änderungen, Multitasking oder Schwierigkeiten im Umgang mit neuen digitalen Tools.
Man sagt: Präventive Maßnahmen umfassen bewusstes Zeitmanagement, digitale Pausen, Schulungen im Umgang mit Technologien und die Gestaltung technischer Systeme mit Blick auf Nutzerfreundlichkeit. ja schön … macht das unserer Arbeit effizenter?
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Schlussbemerkung: Es ist kein Scherz, heute am 24.11.2025, an dem ich diesen Artikel verfasst habe, war bei mir (Raum Dresden) das Internt über den Tag im Minimum 4 x jewils für 2–3 Minuten unterbrochen. So viel zum Thema Digitale Revolution.
Beispiele für Dysfunktionalität im digitalen Bereich folgen.
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- Der Informationsgehalt im Internet wird immer dünner und dümmer und die KI wirkt als Verstärker.
- Quiz-Sendungen im Fernsehen. Die Latrine für unnützes Wissen? Und: „Wir amüsieren uns zu Tode“, ein Taschenbuch von Neil Postman(1992).
Quellen
- Höheres Wachstum, niedrigere Inflation? – Der digitale Wandel aus Notenbanksicht
Rede beim Empfang der Deutschen Bundesbank im Rahmen der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik; 03.09.2018 - Zur Bedeutung der Digitalisierung für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität (Deutsche Bundesbank
Monatsbericht März 2023 45); PDF - Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Arbeitsproduktivität; Research Brief | 65. Ausgabe – Mai 2024