Wer heute von Keto-Ernährung [1] spricht, meint selten ein klar umrissenes Ernährungskonzept. Gemeint ist meist ein diffuses Gemisch aus Vorstellungen, Schlagworten und Bauchgefühlen [2]. In Gesprächen, sozialen Medien und Ratgebern wiederholen sich dieselben Bilder, bis sie als Wissen durchgehen.
„Keto“ steht dann vor allem für Verzicht:
kein Brot, keine Nudeln, kein Zucker.
Dafür reichlich Fleisch, Speck, Butter und Eier.
Und möglichst alles, was als „natürlich“ gilt.
Diese Chiffren genügen oft schon, um ein inneres Bild zu erzeugen. Mehr scheint es nicht zu brauchen.
Die Verlockung der Steinzeit
Fast zwangsläufig tritt zu diesem Bild die Erzählung von der Urzeit. Der Mensch, so heißt es dann, habe früher kaum Kohlenhydrate gegessen, sei Jäger gewesen und habe sich überwiegend von Fleisch und Fett ernährt. Man müsse nur zu dieser vermeintlich ursprünglichen Lebensweise zurückkehren – und schon füge sich alles wieder.
Keto erscheint in diesem Licht als Rückkehr zur „artgerechten“ Ernährung. Ein Versprechen, das einfach klingt und tief sitzt. Gerade deshalb wird es selten hinterfragt.
Wenn Ernährung zur Haltung wird
An diesem Punkt endet das Nachdenken oft. Die ketogene Ernährung wird nicht länger als Stoffwechselkonzept betrachtet, sondern als ideologisch aufgeladene Lifestyle-Praxis. Sie wird belächelt, abgewertet oder vorschnell einsortiert. Fast automatisch entsteht ein Gegenüber: hier Keto, dort vegetarisch oder vegan.
Damit verschiebt sich der Fokus. Ernährung wird zur Identitätsfrage, nicht mehr zur physiologischen. Was gegessen wird, sagt nun angeblich etwas über Weltbild, Moral oder Zugehörigkeit aus. Der Körper selbst tritt dabei in den Hintergrund.
Paleo, Paläolithikum und die Macht der Begriffe
Die begriffliche Nähe zu Steinzeit-Ernährung [3], Paleo-Ernährung oder Paleo-Diät verstärkt diese Entwicklung. Paleo – abgeleitet vom Paläolithikum, der Altsteinzeit – suggeriert historische Tiefe und anthropologische Gewissheit. Tatsächlich handelt es sich oft um eine stark vereinfachte Rückprojektion, die mehr behauptet, als sie belegt.
So driftet das Thema weiter in Richtung eines populären Ernährungsmythos. Getragen von Bildern, Analogien und Erzählungen – nicht von Definitionen oder Funktionsbeschreibungen.
Der gedankliche Bruch
Und genau hier liegt der Bruch.
Sobald Begriffe wie Ketose oder Ketogenese auftauchen, ist ein großer Teil des Publikums innerlich bereits ausgestiegen. Der Deutungsrahmen ist längst gesetzt: Urzeit, Ideologie, Lifestyle, Lagerdenken. Vor diesem Hintergrund erscheinen biochemische Zusammenhänge wie verzichtbare Nebensächlichkeiten – nicht wie das eigentliche Zentrum der Sache.
Was die ketogene Ernährung physiologisch ausmacht, wird dadurch kaum noch wahrgenommen. Nicht, weil es besonders kompliziert wäre, sondern weil es zu spät ins Spiel kommt.
Ein Plädoyer für geistige Offenheit
Vielleicht ist es deshalb sinnvoll, an dieser Stelle bewusst nicht weiter zu erklären. Nicht tiefer einzusteigen, nicht zu argumentieren, nicht zu überzeugen. Denn jede weitere Ausführung würde innerhalb eines Denkrahmens gelesen, der das Ergebnis bereits vorwegnimmt.
Der eigentliche Denkimpuls dieses Textes liegt woanders. Er besteht darin, die eigene Haltung zu prüfen. Nicht zu fragen, ob ketogene Ernährung „gut“ oder „schlecht“ sei, sondern ob das eigene Urteil darüber nicht längst gefällt wurde, bevor man überhaupt wusste, worüber man spricht.
Bilder, Begriffe und Erzählungen können die Wahrnehmung verengen. So sehr, dass der Gegenstand selbst kaum noch sichtbar ist.
Weiterdenken hieße in diesem Fall nicht, sofort ins Detail zu gehen. Sondern zunächst offen zu bleiben. Die Kategorien neu zu ordnen. Und anzuerkennen, dass zwischen Mythos und Molekül oft mehr Abstand liegt, als es auf den ersten Blick scheint.
Zum Themen-Einstieg hier ein wertvolles Interview
Tatsächlich ist die ketogene Ernährung als Thema relativ jung und erst seit etwa 2015 im Fokus der Ernährungsmedizin.
Für einen Einstieg in diese Thematik halte ich das am 3. März 2025 auf YouTube veröffentlichte Gespräch zwischen Prof. Dr. med. Alexander Muacevic (Gastgeber des ERCM Medizin Podcasts) und Prof. Dr. Dr. Simone Kreth (führende Expertin der Ernährungsmedizin an der LMU München) für eine wichtige Primärquelle, um ein fundiertes Grundverständnis zu gewinnen.
Noch zum Video: Ein beruhigender Hinweis für alle, die sich für eine ketogene Ernährung interessieren, ist die Einschätzung von Prof. Dr. Dr. Simone Kreth, dass es sinnvoll und möglich ist, ketogene Phasen mit einer kohlenhydratbetonten Ernährung zu kombinieren.
Quellen und Ergänzungen
[1] Im Kern beschreibt die ketogene Ernährung einen Stoffwechselzustand, in dem der Körper seine Energie überwiegend aus Fett und daraus gebildeten Ketonkörpern gewinnt – nicht aus Glukose. Mehr muss man hier noch nicht wissen. Alles Weitere beginnt dort, wo die Vorurteile enden.
[2] Hier beispielgebend eine dpa-Pressemeldung bei der „ZEIT“ veröffenltlicht; Die Paleo-Diät auf dem Prüfstand; 8. März 2022. Erkenntnisse der Keto-Diät werden mit der sogenannten Paläo-Diät vermengt.
[3] Die Paläo-Ernährung (Steinzeit-Ernährung) orientiert sich an einer rekonstruierten Vorstellung altsteinzeitlicher Ernährung und definiert vor allem, welche Lebensmittel als „ursprünglich“ gelten. Die ketogene Ernährung hingegen ist ein medizinisch entwickeltes Stoffwechselkonzept, bei dem durch eine stark reduzierte Kohlenhydratzufuhr gezielt der Zustand der Ketose herbeigeführt wird. Beide Ansätze sind historisch unabhängig voneinander entstanden und beruhen auf unterschiedlichen Fragestellungen. Überschneidungen ergeben sich eher zufällig als konzeptionell.
https://de.wikipedia.org/wiki/ Ketogene_Di%C3%A4t