Soziale Psychologie und die Lebenskunst des natürlichen Umgangs mit Menschen
Auf Inhortas.de stelle ich gern Bücher aus unserer kleinen Hausbibliothek vor, sofern sie mehr bieten als bloße Bildungssplitter: nämlich brauchbares Wissen. Ein Werk gehört dabei unbedingt dazu:
Adolph Freiherr von Knigge, Über den Umgang mit Menschen (1788) (Eine Ausgabe von 1788 in 2. Auflage ist online einzusehen)
Doch kaum ein Buch der deutschen Aufklärung ist so gründlich missverstanden worden wie dieses.
Das hartnäckige Missverständnis namens „Knigge“
Wenn heute jemand sagt: „Das steht so im Knigge“, geht es fast immer um Tischsitten, Grußordnungen oder Dresscodes. Gemeint ist Etikette.
Das ist ein fundamentaler Irrtum.
Knigge selbst formulierte seinen Anspruch deutlich anders:
«Nicht lehren will ich, wie man glänzt, sondern wie man lebt.»
(Vorrede / Einleitung)
Was er vorlegte, war keine Benimmfibel, sondern eine Gebrauchsanweisung für das Leben in der Gesellschaft.
Ein Buch der Aufklärung – kein Regelwerk
Adolph Freiherr von Knigge war ein Aufklärer. Sein Werk ist ohne diesen geistigen Hintergrund nicht zu verstehen.
Über den Umgang mit Menschen ist kein Regelbuch für den Esstisch, sondern ein philosophisch-soziologisches Lehrbuch. Knigge wollte Menschen befähigen, sich in einer komplizierten, ständisch geprägten Welt klug, würdevoll und möglichst reibungsfrei zu bewegen – ohne sich selbst zu verlieren.
Der Ausgangspunkt ist dabei stets der Einzelne:
«Der sicherste Weg, sich die Achtung anderer zu erwerben, ist der, sich selbst zu achten.»
(Erster Teil – Über den Umgang mit sich selbst)
Gesellschaftliche Kompetenz beginnt für Knigge nicht bei Regeln, sondern bei innerer Haltung.
Was Knigge tatsächlich meint
Der Abstand zum heutigen „Knigge“-Verständnis könnte größer kaum sein.
Soziale Psychologie statt Besteckordnung
Knigge analysiert Charaktere und Temperamente. Er beschreibt, wie man mit schwierigen Menschen umgeht, wie man sich gegenüber Vorgesetzten behauptet, ohne zu buckeln, und wie Freundschaften gepflegt werden, ohne in Abhängigkeit zu geraten.
Sein Ansatz ist nüchtern, beobachtend und frei von Illusionen:
«Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten.»
(Erster Teil – Über Menschenkenntnis)
Das ist Aufklärung ohne Moralisieren – und erstaunlich modern.
Würde ohne Unterwürfigkeit
Besonders deutlich wird Knigges Haltung im Umgang mit Autoritäten. Respekt ja, Selbstverleugnung nein. Gegenüber Adel, Amtsträgern oder geistlichen Würdenträgern fordert er Haltung statt Ehrfurcht:
«Wer sich vor seinen Obern krümmt, lernt niemals aufrecht zu gehen.»
(Zweiter Teil – Über den Umgang mit Personen von höherem Range)
Damit stellt Knigge – selbst als Freiherr von Adel [1] – die soziale Hierarchie nicht infrage, wohl aber ihren moralischen Anspruch.
Natürlicher Umgang statt höfischer Dressur
Ironischerweise verspottet Knigge den steifen, künstlichen Drill der Hofetikette immer wieder.
Förmlichkeit ist für ihn nur dann legitim, wenn sie aus echter Achtung erwächst. Alles andere ist soziale Maskerade.
(Geändert hat sich heute lediglich der Dresscodes in den Kreisen „elitärer Politik“ und der Bildungsgrad)
Warum Knigge zum Benimmlexikon verkam
Erst nach Knigges Tod wurde sein Name zur Marke. Erben und Verlage kürzten die philosophischen Passagen und ergänzten praktische Verhaltensvorschriften, und die aufkommenden illustrierten Zeitschriften taten ein Übriges.
So passte man den alten Bestseller, vollkommen dem ursprünglichen Sinn entkernt, den Bedürfnissen des aufstrebenden Bürgertums an.
Vom ursprünglichen Geist der Aufklärung blieb wenig übrig. Übrig blieb der „Knigge“ als Regelbuch – nicht als Denkbuch.
Zum Schluss noch ein paar Knigge-Zitate
«Nichts macht den Menschen verhasster als das Gefühl, willkürlich beherrscht zu werden.»
Quelle: Zweiter Teil – Über den Umgang mit Untergebenen
«Wer überall gefallen will, verliert am Ende sich selbst.»
Quelle: Dritter Teil – Über den Umgang in Gesellschaft
«Misstraue der Andacht, die sich unaufhörlich sehen lassen will.»
Quelle: Erster Teil – Über Menschenkenntnis
Sinngemäß: «Wer einem Großen jedes Wort ablauscht, verliert die Freiheit des eigenen Denkens – und verdient weder Achtung noch Vertrauen.»
Quelle: Zweiter Teil – Über den Umgang mit Vornehmen
«Wohltätigkeit hört auf, Tugend zu sein, sobald sie eingefordert wird.»
Quelle: Dritter Teil – Über Wohltätigkeit und Gefälligkeiten
Knigges bleibende Kernbotschaft
Im Kern ist Knigges Lehre erstaunlich schlicht – und zeitlos:
Wachsam sein im Umgang mit anderen.
Respekt zeigen, ohne sich zu verbiegen.
Und sich selbst nicht aus dem Blick verlieren.
Oder, kniggeanisch gedacht: soziale Psychologie als Lebenskunst.
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[1] Ein Freiherr war im 18. Jahrhundert ein Angehöriger des niederen Adels im Heiligen Römischen Reich. Der Titel bezeichnete ursprünglich einen „freien Herrn“, also einen Adeligen, der nicht unmittelbar einem Lehnsherrn unterstand. Zur Zeit Knigges war der Freiherrentitel vor allem ein Standesprädikat, verbunden mit sozialem Prestige, bestimmten höfischen Zugängen und gesellschaftlichen Erwartungen, jedoch meist ohne größere politische Macht oder umfangreichen Landbesitz. Viele Freiherren – wie Knigge selbst – lebten als gebildete Beamte, Offiziere oder Schriftsteller zwischen Adel und Bürgertum.