V. Gordon Childes Neolithische Revolution. Eine jungsteinzeiliche Agrar-Revolution? Ja und Nein.

Neolithikum Langhaus Nachbau

Bild: Langhaus (Wohnstallhaus) der mitteleuropäischen Rössener Kultur (um 4700 BC). Rekonstruktion und  Nachbau im Archäologischen Freilichtmuseum Zeiteninsel, bei Marburg.

[Mesolithikum]

Es ist bemerkenswert, dass sich ein Begriff wie die „Neolithische Revolution“ – also die jungsteinzeitliche Agrarrevolution – bis in die Gegenwart erhalten hat. Er begegnet uns noch immer, selbst in gelehrten Kreisen, obgleich kaum ein ernstzunehmender Forscher diese These heute noch in ihrer ursprünglichen Form vertritt.

 


Der Ursprung einer großen Idee

Es war der umtriebige und einflussreiche australisch-britische Archäologe Vere Gordon Childe (1892–1957) – ein erklärter Freund marxistischen Gedankenguts – der in den 1930er Jahren den Begriff der „Neolithischen Revolution“ prägte. Damit wollte er, ganz im Geist des historischen Materialismus, einen der großen Umbrüche der Menschheitsgeschichte beschreiben.

Childe verstand den Übergang von der jägerisch-sammlerischen Lebensweise hin zur produzierenden, also zu Ackerbau und Viehzucht, nicht als allmähliche Entwicklung, sondern als einen revolutionären Sprung – einen Bruch in der Geschichte der Menschheit.

Nach damaligem Kenntnisstand vollzog sich dieser Wandel zuerst im Fruchtbaren Halbmond Vorderasiens. Childe war sich allerdings auch bewusst, dass Ackerbau und Viehzucht mehrfach unabhängig entstanden sein mussten. Spätere Arbeiten erwähnten auch China, Südostasien, Afrika und Amerika als mögliche Ursprungszentren.

Dennoch blieb in der allgemeinen Bildung der westlichen Welt der Fruchtbare Halbmond der Inbegriff der landwirtschaftlichen Wiege der Menschheit. Doch kehren wir zu Childe selbst zurück.

Die Kernideen von Childes Theorie

Childes Denken war, wie erwähnt, stark marxistisch geprägt. Er sah in ökonomischen und technologischen Veränderungen die entscheidenden Triebkräfte geschichtlicher Entwicklung.

Ursachen: Die Oasentheorie

Childe postulierte, dass der Klimawandel nach der letzten Eiszeit – insbesondere die zunehmende Trockenheit – Mensch und Tier im Nahen Osten in Oasen und Flusstäler (wie das spätere Mesopotamien) drängte.

In dieser räumlichen Enge entstand somit eine „Symbiose“ zwischen Menschen und domestizierbaren Pflanzen und Tieren.

Der wachsende Bevölkerungsdruck zwang zudem die Menschen, Nahrung nicht mehr nur zu sammeln, sondern gezielt zu produzieren und so wurde die Landwirtschaft eine „Erfindung aus der Not“.

Folgen: Die Urbane Revolution

Die neue, produktive Lebensweise ermöglichte allerdings auch Nahrungsüberschüsse, und diese in Vorratshaltung gebracht, bildeten die Grundlage für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen:

  • Bevölkerungswachstum und dauerhafte Siedlungen (z. B. Jericho)
  • Arbeitsteilung und Spezialisierung
  • Entstehung neuer Technologien wie Töpferei und Weberei

Dieser Prozess mündete schließlich in Childes zweitem großen Konzept: der „Urbanen Revolution“, also der Entstehung von Städten, komplexen Gesellschaften, Schrift und den ersten Hochkulturen – etwa in Sumer (3200 BC).

Kritik und Neubewertung: Von der Revolution zur Evolution

Childes Modell war bestechend klar, eingängig und prägte die Archäologie über Jahrzehnte. Doch die moderne Forschung hat diese vereinfachte Sichtweise deutlich relativiert.

Heute gilt als gesichert, dass der Übergang zur Landwirtschaft Jahrtausende dauerte und sich als graduelle, experimentelle Entwicklung vollzog – eher als eine Neolithische Evolution oder Neolithische Innovation.

Bereits Jägerkulturen kannten und nutzten Nutzpflanzen, teils betrieben sie selbst kleinflächigen Anbau. Ein Beispiel liefert der Fundplatz Ohalo II in Israel [1]: Vor rund 22 000 Jahren legten dort Jäger und Sammler am Ufer des Sees Genezareth frühe Formen landwirtschaftlicher Bewirtschaftung an. (oder: Bier im Mesolithikum?)

Die Urbanisierung, die sich an all diese Prozesse anschloss und heute immer noch im alten Sumer als ursprünglich angesehen wird, bekommt eine völlig andere Perspektive mit den Erkennnissen um die sogenannte Donauzivilisation (auch: „Alteuropa“), welche Siedlungsstrukturen (z.B. Megasiedlungen) ganz eigener Art formte. Dieser neolithische Kulturraum erblühte gut 2300 Jahre vor Sumer und 1600 Jahre vor dem alten Ägypten.

Im Übrigen konterkariert die Hochkultur des Alteuropa auch jene Hypothesen – V. G. Childe selbst vertrat sie ausdrücklich nicht – wonach Jäger und Sammler grundsätzlich gesünder, freier und glücklicher lebten als die neolithischen Bauern [2].

Allerdings sind die Beobachtungen, wie sie etwa der Evolutionsbiologe Jared Diamond formulierte (siehe Quelle [2]), nicht gänzlich von der Hand zu weisen:

„Mit der Landwirtschaft kamen die grobe soziale und sexuelle Ungleichheit, die Krankheiten und der Despotismus, die unser Dasein verfluchen.“

Diese Einschätzung ist insofern zutreffend, als es tatsächlich bald nach der neolithischen Wende zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen kam – in unterschiedlichen Ausprägungen – von denen manche bis heute fortbestehen.

Doch Fehlentwicklungen ähnlicher Art lassen sich auch weltweit bei Jägerkulturen beobachten, wenn auch in anderer Form und mit anderen Ursachen.

Die Broad Spectrum Revolution (BSR)

Kommen wir aber noch zu Childes Oasentheorie. Auch sie wurde von späteren Forschern verworfen. Doch bekam sie eine Abwandlung in Form von der These der „Broad Spectrum Revolution“ (nach Kent Flannery geb. 1934) – die ich etwas großzügig mit „Mesolithischer Ernährungswende“ übersetze.

Sie beschreibt den fundamentalen Wandel gegen Ende der Eiszeit (ca. 15.000–8.000 v. Chr.), bei dem Großwild-Jäger ihre Ernährung auf ein breiteres Spektrum an kleineren, vielfältigeren und oft lokal reichlich vorhandenen Ressourcen (Kleinwild, Fische, Muscheln, Wildpflanzen) umstellten. Dabei ist die BSR-These – heut noch weitgehend gültig – keine Alternative, sondern der „Prolog“ zur Neolithischen Agrarwende und ersetzt die besagte Oasentheorie.

Trotz dieser Einwände bleibt Childes Werk bahnbrechend. Er war einer der Ersten, die die globalen sozioökonomischen Auswirkungen der Landwirtschaft erkannten und archäologische Funde in gesetzmäßig verlaufende, historische Zusammenhänge stellte. Und tatsächlich scheint es so – und da schließe ich mich an – dass der Wandel von der Wildbeuter- zur Agrargesellschaft gewissen gesetzmäßigen Strukturen zu folgt.

 


Ein neues Prinzip: Sesshaftigkeit, Hackbau, Tierhaltung und Vorratswirtschfat

Revolution als Gedanke – nicht als Umbruch

Besonders interessant bleibt für mich Childes Ansatz, wenn man „revolutionär“ nicht als rasantes Ereignis, sondern als die Entstehung eines neuen ökologisch-kulturellen Systems versteht – also als Prinzip, das Denken und Lebensweise gleichermaßen veränderte.

Dieses neue Prinzip bestand in der Verknüpfung von Sesshaftigkeit, Hackbau und Tierhaltung – also der dauerhaften Verbindung von Pflanzenbau, Viehzucht, Fischfang und Jagd. Diese Kombination war in der Menschheitsgeschichte tatsächlich neu – und in diesem Sinn: revolutionär.

Zwei Wege der Neolithisierung: Hackbauern und Hirtennomaden

Childe erwähnte in seiner Theorie allerdings kaum das Hirtennomadentum, das sich zeitgleich mit den frühen Hackbauern herausbildete. Auch diese Gruppen gaben die Lebensweise der Wildbeuter auf – doch ihr Weg war ein anderer:

Sie folgten den Herden, anstatt feste Siedlungen zu gründen, und blieben damit gewissermaßen zwischen Wildbeutertum und Sesshaftigkeit stehen. Ihnen fehlt die Sesshaftigkeit.

Das Hirtennomadentum war somit ein Gegenentwurf zur agrarischen Sesshaftwerdung – ein alternatives Anpassungsmodell, das zwar ökonomisch eigenständig, aber im strukturellen Sinn nicht revolutionär war. Es veränderte die Mobilität der Menschen, nicht jedoch das grundlegende Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Pflanze.

Das neue wirtschaftliche Gesamtpaket

Frühe Formen des Pflanzenbaus – also handwerklicher Hackbau ohne den Einsatz tierischer Muskelkraft – existierten vermutlich bereits in Jägerkulturen, lange bevor feste Siedlungen entstanden. In den tropischen Regionen etwa gehörte der Anbau der Banane zu solchen frühen Formen des Pflanzenbaus. Diese Tätigkeiten waren jedoch stets ein Anhängsel des Jagens und Sammelns und kein eigenständiges Wirtschaftssystem.

Die ausschließliche Pflanzenproduktion und das Sammeln konnten den Eiweißbedarf des Menschen nicht decken. Daher blieb die Jagd – und vor allem die Fischerei – ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung.

Auch der frühe Ackerbauer war weiterhin auf tierisches Eiweiß angewiesen. Erst mit der Einbeziehung domestizierter Tiere – Hund, Schaf, Ziege, Schwein und später Rind – neben dem Landbau entstand ein stabiles und vielseitiges Ernährungssystem, das den Grundstein für dauerhafte Sesshaftigkeit legte.

 

Neolithiker mit Haustieren
Die neolithische Innvovation war die Kombination von Tierhaltung und Landbau!

Die Sesshaftigkeit vollendete das System, denn es machte Vorratshaltung möglich. Wiederum die Vorratshaltung wiederum gehört zu diesem Gesamtkomplex der “Neolithischen Revolution” dazu. Und dieser Vorteil der Nahrungsdiversität in einem wirtschaftlichen Gesamtpaket entfaltete seine Wirkung bereits lange, bevor man den Pflug erfand.

Diese Verbindung von Pflanzenbau, Tierhaltung, Fischfang und Jagd (das Jagen und Sammeln beleibt als Anhängsel erhalten) bildete eine neue ökologische Balance, in der alte und neue Lebensformen zusammenwirkten – ein System, das bis heute in vielen Kulturlandschaften fortlebt.

Eine stille Revolution der Natur selbst?

In diesem Licht betrachtet, war die eigentliche „Neolithische Revolution“ vielleicht keine rein wirtschaftlich-gesellschaftliche, sondern auch eine stille kulturelle Transmission der Natur selbst – ein Prozess, in dem Pflanzen und Tiere nicht nur verändert wurden, sondern ihrerseits kulturelle Signale in die menschliche Lebenswelt einspeisten.

Die Domestikation von Pflanzen und Tieren veränderte nicht nur die menschliche Lebensweise, sondern auch die Natur selbst – ihre Artenzusammensetzung, ihre Dynamik und letztlich ihr Verhältnis zum Menschen.

Viele Forscher weisen darauf hin, dass am Beginn dieser Entwicklung nicht der Mensch das Tier fand, sondern dass Tier und Pflanze den Menschen fanden.

Einige Wildtiere – etwa Wölfe (die späteren Hunde), Ziegen, Wildschweine oder Bankivahühner – suchten die Nähe menschlicher Lager, um dort von Abfällen und Essensresten zu profitieren. Ebenso siedelten sich viele der späteren Kulturpflanzen zunächst „opportunistisch“ auf den nährstoffreichen Abfallhaufen menschlicher Siedlungen an.

Wissenschaftler bezeichnen diesen anfänglichen, vom Tier oder der Pflanze ausgehenden Prozess als Selbstdomestizierung. Erst im Anschluss begannen die Menschen, die zutraulichsten Tiere und ertragreichsten Pflanzen gezielt zu selektieren und weiterzuzüchten.

Dieser symbiotische Prozess war also kein einseitiger Akt der Beherrschung, sondern ein gegenseitiger Anpassungsvorgang – ein stiller, aber tiefgreifender Wandel, in dem sich Mensch und Natur aufeinander einstellten.
Vielleicht war gerade diese unscheinbare Wechselwirkung der eigentliche Motor jener Revolution, die wir heute „neolithisch“ nennen.

Schlussgedanke: Die bleibende Lektion der Neolithischen Revolution

Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung der sogenannten „Neolithischen Revolution“ darin, dass sie uns die gegenseitige Verwobenheit von Mensch und Natur vor Augen führt.

Der Mensch wurde nicht zum Herrn der Natur, sondern zu ihrem Partner in einem neuen Gleichgewicht. Pflanzen und Tiere passten sich an ihn an, ebenso wie er sich an sie anpasste. Aus dieser wechselseitigen Abhängigkeit entstand eine neue Form von Kultur – eine, die nicht auf Überwindung der Natur beruhte, sondern auf gegenseitiger Durchdringung.

So verstanden, bleibt Childes Gedanke aktuell und darf weitergedacht werden: Jede tiefgreifende Veränderung in der Geschichte der Menschheit ist auch eine Veränderung der Natur selbst – und umgekehrt. Die „Revolution“ war kein Aufbruch gegen die Natur, sondern ein gemeinsamer Schritt mit ihr.

Vielleicht ist genau das die leise, aber bleibende Lektion der Jungsteinzeit: dass jede Zukunft, die Bestand haben will, sich wieder an diese uralte Partnerschaft erinnern muss.

Die bleibende Tradition des neolithischen Prinzips

Die Erinnerung an unsere Vorgeschichte  – bringt sie uns heute etwas? Ich sage ja – denn dieses „Gesamtpaket“ der neolithischen Bauern, ihn unabhängiger von äußeren Umständen machte, hat sich im Grunde bis heute erhalten und das selbst im kleinsten Maßstab. Denn: nach denselben Prinzipien wirtschafteten selbst noch die Häusler der Neuzeit.

Durch Gärtnern, Kleintierhaltung, Sammeln, Jagen, Angeln und eine kluge Vorratswirtschaft konnte – und kann – sich der Häusler, oder ebenso der moderne Selbstversorger, bis heute Vorteile verschaffen: Vorteile, die ihn unabhängiger von äußeren Umständen machen…

Quellen und Literatur

Die Quellen werden noch geordnet:

[1] https://www.sci.news/archaeology/science-farming-ohalo-ii-israel-03052.html „Israelische Archäologen haben in Ohalo II, einem 23.000 Jahre alten Lager von Jägern und Sammlern am Ufer des Sees Genezareth, Beweise für frühe landwirtschaftliche Kleinbewirtschaftung entdeckt.“

[2] DIAMOND, Jared; discovermagazine.com; The Worst Mistake in the History of the Human Race (Der größte Fehler in der Geschichte der Menschheit
Das Aufkommen der Landwirtschaft war ein Wendepunkt für die Menschheit. Es war vielleicht auch unser größter Fehler.); 1.5.1999

[2b] DIAMOND, Jared; Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften; Frankfurt am Main 2002; https://de.wikipedia.org/ wiki/Arm_und_Reich_(Diamond)

  • https://en.wikipedia.org/wiki/V._Gordon_Childe
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Jericho; https://grokipedia.com/page/Jericho
  • https://www.sciencedirect.com/science/ article/abs/pii/S0277379120303747
  • https://www.nationalgeographic.com/ culture/article/neolithic-agricultural-revolution
  • https://de.wikibooks.org/wiki/ Geschichte_der_Menschheit:_Neolithische_Revolution
  • www.scinexx.de/service/ dossier_print_all.php?dossierID=91197
  • https://abitur-wissen.org/ index.php/ biologie/evolution/322-evolution-des-menschen-die-neolithische -revolution-ackerbau-und-viehzucht-werden-erfunden
  • https://fr.wikipedia.org/wiki/ %C3%89conomie_de_la_Pr%C3%A9histoire (Langhäuser in China)
  • PODBREGAR, Nadja; Die Urzeit-Revolution · Wie der Mensch die Landwirtschaft erfand; 05.02.2016

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File: Neolithikum_R%C3%B6ssenhaus.jpg – Jungsteinzeitliches Wohnstallhaus der Rössener Kultur, Nachbau im Archäologischen Freilichtmuseum Zeiteninsel, Weimar/Lahn

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