Die Wintersonnenwend-Zeit. Zeitfluss für Stille und Regeneration.
21./22. Dezember, Jultag
Es ist die längste Nacht des Jahres. Während ich diesen Text schreibe, steht die Sonne an ihrem tiefsten Punkt. Eine Stille liegt über der Landschaft, beinahe greifbar. Die Gärten sind kahl, die Erde schwer und dunkel. Das Leben der Natur hat sich scheinbar bis in die letzten Feinheiten der Wurzeln zurückgezogen.
Früher hätte ich diesen Zustand vielleicht als tot oder leer bezeichnet. Heute weiß ich: es ist die heilige Dunkelheit [1]. Sie trägt eine radikale, beinahe subversive Botschaft in sich: die Erlaubnis zur Nicht-Produktivität.
Zeit für Stille und Regeneration
In unserer modernen Welt definieren wir uns über Leistung. Wir optimieren Zeit, Arbeit und nicht selten sogar unsere Freizeit. Selbst der Garten wird im Frühjahr und Sommer zum Schauplatz der Produktivität: Wir zählen Erntekörbe, messen Zuwächse, verfolgen Blühphasen wie Kennzahlen.
Doch die Wintersonnenwende erinnert uns daran, dass kein System – auch nicht der Mensch – dauerhaft in Blüte stehen kann. Wachstum ohne Pause ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Überforderung.
Die Dunkelheit dieser Nächte ist kein Mangel an Licht. Sie ist ein Schutzraum. Sie entzieht sich nicht nur der zwanghaften Produktivität, sondern auch der zwanghaften Selbst- und Fremdkontrolle.
Während dieser stillen Tage lässt sich nichts protokollieren, nichts beschleunigen, nichts korrigieren. Die Prozesse in der Erde folgen keinem Zeitplan, keiner Intervention, keinem Optimierungswillen. Sie entziehen sich unserem Zugriff – und gerade darin liegt ihre Wirksamkeit.
Dunkelheit ist der Raum des Unverfügbaren. Sie erinnert uns daran, dass nicht alles, was wesentlich ist, steuerbar sein muss – oder überhaupt steuerbar sein darf.
Keimung braucht Schatten.
Ein Samenkorn, das zu früh dem Licht ausgesetzt wird, vertrocknet, bevor es Wurzeln schlagen kann.
Regeneration braucht Stille.
In der Tiefe der Erde laufen jetzt Prozesse ab, die nur in Kälte und Dunkelheit möglich sind. Es ist eine stille Arbeit ohne sichtbares Ergebnis – noch nicht.
Die Natur erlaubt sich den Luxus des Stillstands. Sie tut nichts, und doch bereitet sie alles vor.
Wir Menschen sind Teil dieser Natur. Auch wir haben ein Naturrecht auf Zeiten des Nichtstuns.
Ein unrealistischer Vorschlag – und dennoch notwendig
Mir ist vollkommen klar, dass der Vorschlag, die kürzesten Tage des Jahres um das Julfest herum – den 21. und 22. Dezember – zu Tagen des bewussten Nichtstuns zu erklären, für viele unrealistisch ist. Gerade jene, die sich von diesem Gedanken am stärksten angesprochen fühlen, haben dafür meist am wenigsten Raum.
Hinzu kommt etwas Ambivalentes: Die Hektik der Vorweihnachtszeit – genauer der Adventszeit – hat auch ihre funktionale Seite. Die kurzen Tage zu Beginn des Winters wirken auf viele Menschen depressiv, und Aktivität kann den seelischen Druck zumindest dämpfen. Bewegung, Begegnung, Betriebsamkeit können schützen.
Doch Aktivität ist kein Ersatz für Ruhe. Sie ist bestenfalls ein Pflaster.
Keine Rituale erzwingen
Abgesehen von alten Sonnenwendbräuchen – brennende Sonnenräder, Feuer, symbolische Lichtwenden – glaube ich nicht, dass es viel bringt, das Konzept des Nichtstuns oder der heiligen Dunkelheit in diesen Tagen künstlich ritualisieren zu wollen.
In unserer modernen Arbeitswelt ist die Zeit um die Wintersonnenwende noch zu hektisch. Es werden daher vermutlich eher die Tage nach dem Heiligen Abend und nach Silvester sein – im Umfeld der ausklingenden Rauhnächte – in denen regsame Menschen Muse finden, das heilsame Nichtstun zuzulassen.
Es kann ebenso gut ein Urlaub sein. Eine Reise in stillere Gefilde. Oder ein bewusster Verzicht auf Programm: kein Aktivurlaub, sondern ein echter Nichtstun-Urlaub. Eine seltene, fast vergessene Kunst.
Der eigentliche Auftrag der dunkelsten Tage
Was wir vom kürzesten Tag und der längsten Nacht mitnehmen können, ist zunächst nichts weiter als ein Anfang: die Einsicht, dass diese dunklen Tage heilsam sein können.
Und mehr noch: dass wir uns erst wieder daran erinnern müssen, welche Rechte wir als Menschenwesen überhaupt haben. Dazu gehört das Recht auf Nichtstun. Auf Leerlauf. Auf innere Winterzeiten.
Das ist kein Luxus.
Es ist keine Schwäche.
Und es ist nicht nur etwas, das uns gegönnt sein darf.
Es ist eine Verantwortung – uns selbst gegenüber.
Mit dieser Erfahrung werden wir zugleich den Wert der spirituellen Tiefe der christlichen Weihnacht und Christgeburt erkennen – ebenso wie die alte, vorchristliche Spiritualität unserer Ahnen.
—
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.
Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.
Rainer Maria Rilke, 1899
—
[1] „Sacred Darkness“ (heilige Dunkelheit) bezeichnet im englischsprachigen Raum in verschiedenen spirituellen, psychologischen und kulturgeschichtlichen Kontexten einen Erfahrungsraum, in dem Rückzug, Nicht-Wissen, Nicht-Kontrolle und Nicht-Produktivität nicht als Mangel, sondern als notwendige Voraussetzung für Wandlung und Erneuerung verstanden werden.
