Bild: Ausgabe von 1980. Tanner + Staehelin Verlag AG Zürich. Interessant gestaltet von der Malerin und Illustratorin Maxine van Eerd-Schenk.
[Beitrag in Erstellung]
Rezension: Der Papalagi – Zwischen Kultobjekt und naiver Projektion
Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea
➡️ Wer in diesen Tagen für einen Freund oder Bekannten ein kleines Geschenk sucht – leicht intellektuell angehaucht und von nahezu allen Seiten als gesellschaftskritisch akzeptiert – der greife neu oder preiswert antiquarisch zu jenem schmalen Brevier, das hier vorgestellt sei. Es verspricht Kurzweil und firmiert zugleich als „Klassiker“ einer etwas verspäteten Aufklärung, den der gebildete Zeitgenosse zumindest vom Hörensagen kennen sollte.
Es handelt sich um eine Sammlung von Reden eines fiktiven Südseehäuptlings.
Über Jahrzehnte hinweg fungierte Der Papalagi von Erich Scheurmann als Kultobjekt der Zivilisationskritik*. Besonders in der Aufbruchsstimmung der 1960er bis weit in die 1990er Jahre hinein galt das schmale Bändchen als Pflichtlektüre für eine Leserschaft, die dem westlichen Konsumrausch und der technokratischen Nüchternheit entkommen wollte. Man trug die Reden des Häuptlings Tuiavii gewissermaßen als moralisches Reisegepäck mit sich – bereit, der eigenen Gesellschaft ihre Entfremdung attestieren zu lassen.
Mit heutigem Abstand allerdings verliert das vermeintlich tiefsinnige Manifest einiges von seinem Glanz.
Ein Klassiker mit begrenztem Tiefgang
Was Generationen als archaische Weisheit lasen, erweist sich bei näherem Hinsehen oft als eine recht schlichte Zivilisationsmüdigkeit eines deutschen Autors der 1920er Jahre. Scheurmann bedient das Klischee des „edlen Wilden“, um dem Europäer seine Unzulänglichkeiten vorzuführen. Das ist stellenweise charmant formuliert – doch gedanklich bleibt es meist überschaubar.
Die Argumentation erschöpft sich häufig in der Gegenüberstellung vertrauter Dualismen:
Natur gegen Beton.
Sein gegen Haben.
Gefühl gegen Verstand.
Das liest sich eingängig und bestätigt bereitwillig jene, die ohnehin zweifeln. Als ethnologische Analyse taugt es kaum, als philosophische Grundlegung nur bedingt. Die lange zugeschriebene „Tiefe“ speiste sich vermutlich weniger aus der Substanz des Textes als aus der Sehnsucht seiner Leser nach einer einfachen, unverstellten Gegenwelt.
Der hellste Moment: Die Jagd nach dem Ziel
Bleibende Relevanz gewinnt das Buch dort, wo es die Absurdität unserer Zeitwahrnehmung beschreibt. Die Passage über den Papalagi, der stets „schnell ans Ziel“ will und darüber das Gehen selbst verlernt, gehört zu den stärksten Stellen. Hier trifft der Text tatsächlich einen Nerv moderner Rastlosigkeit – jenseits der exotischen Staffage.
«So jagt der Papalagi [Europäer] durch sein Leben ohne Ruhe, verlernt immer mehr das Gehen und Wandeln und das fröhliche Sichbewegen auf das Ziel, das uns entgegenkommt, das wir nicht suchen.»
In solchen Momenten verlässt das Buch den Bereich der Projektion und berührt eine Erfahrung, die auch ohne Südsee-Rahmung nachvollziehbar bleibt.

Fazit
Der Papalagi ist ein aufschlussreiches Dokument jener westlichen Sehnsucht nach Einfachheit und moralischer Klarheit. Als Kultobjekt der Zivilisationskritik hat es seinen Nimbus weitgehend eingebüßt. Was bleibt, ist eine stilistisch gefällige, gedanklich eher schmale Mahnung zur Entschleunigung – die im Zeitalter permanenter digitaler Verfügbarkeit fast schon wieder eine gewisse, unfreiwillige Komik entfaltet.
Ergänzugen
*Der zeitgeschichtliche Hintergrund ist nicht ganz unerheblich: Der Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler erschien ab 1918 und formulierte in monumentaler Form die Diagnose einer erschöpften, in Zivilisation erstarrten Kultur. Während Spengler den „Untergang“ morphologisch und geschichtsphilosophisch deutet, bietet Scheurmann mit Der Papalagi gewissermaßen die populäre Miniatur desselben Gefühls: keine Kulturmorphologie, sondern eine exotisch gerahmte Alltagskritik. Beide Texte speisen sich aus derselben Zwischenkriegsstimmung – nur dass Spengler das Pathos des Weltgeschichtsdenkers wählt, während Scheurmann die leichtere, erzählerische Form der moralischen Spiegelung bevorzugt.
- https://de.wikipedia.org/wiki/ Der_Papalagi
- https://de.wikipedia.org/wiki/ Erich_Scheurmann
- Bildquelle: Samoa-Familie Wikimedia