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In diesem Beitrag lenke ich den Blick bewusst auf grundlegende Prinzipien. Es sind einfache, erprobte Dinge – und gerade deshalb werden sie oft unterschätzt. Wer Selbstversorgung ernst meint, ob mit oder ohne Garten, kommt an ihnen nicht vorbei.
Ursprünglich wollte ich ausschließlich darüber schreiben, wie sich ein Garten für die Notversorgung nutzen lässt. Doch die entscheidenden Einsichten greifen weiter. Sie gelten für jeden – selbst für den, der nur ein Fensterbrett besitzt. Warum das so ist, wird sich gleich zeigen.
Was wir wirklich brauchen
Wir benötigen vor allem eines: Kalorien. Daneben, nicht weniger wichtig, Vitalstoffe aller Art.
Die Kette ist dabei stets dieselbe:
Produktion → Ernte → Zubereitung
Nun schaut jeder zuerst auf den Garten und die möglichen Ernten und Erträge. Jedoch wird über die Zubereitung gern hinweggegangen. Man verwechselt sie mit Kochkunst oder reduziert sie auf kulinarischen Genuss. Das greift zu kurz.
Zubereitung bedeutet im Kern nichts anderes als:
Nahrung bekömmlich und haltbar machen. Nicht mehr – und nicht weniger.
Dazu gehören seit jeher:
- Braten, Rösten, Kochen
- Würzen, Salzen
- Trocknen
- Fermentieren
- Ankeimen von Samen und Getreide sowie deren Wässern
Dass uns all dies als schmackhaft und angenehm erscheint, ist kein Zufall. Der Mensch praktiziert diese Techniken seit über 100.000 Jahren. Unser Geschmack ist ein kulturell verfeinerter Instinkt.
Rückwärts gedacht – die Fensterbank genügt….
Ich argumentiere nun bewusst vom Ende her – von der Zubereitung zurück zur Produktion.
Allein das Ankeimen von Samen und Getreide eröffnet enorme Möglichkeiten. Samen sind leicht, kompakt und über lange Zeit lagerfähig. Wer sie besitzt und zu nutzen weiß, hat selbst ohne Garten oder Balkon einen ersten, verlässlichen Zugang zu frischer Nahrung.
Ähnlich verhält es sich mit dem Trocknen. Eine kaum überschätzbare Technik.
Pilze,
Wildpflanzen,
Früchte,
Nüsse – vieles lässt sich sammeln, frisch verwenden oder konservieren. Wer diese Praxis beherrscht, erweitert seinen Handlungsspielraum erheblich.
Schon der Mensch der Jungsteinzeit nutzte neben Fleisch und Getreide eine große Vielfalt an Kräutern, Laucharten sowie Gewürz- und Heilpflanzen. Diese stehen uns noch heute zur Verfügung. Wir können sie sammeln – oder schlicht selbst ziehen: am Fenster, auf der Fensterbank, im Blumenkasten.
Der Balkon: Kein Gemüsegarten, sondern ein Verstärker
Wer seinen Balkon für die Selbstversorgung nutzen möchte, kann selbstverständlich Tomaten, Paprika oder Zucchini anbauen. Das ist sinnvoll – aber nicht entscheidend.
Der eigentliche Hebel liegt woanders: bei den Kräutern.
Sie sind es, die eine rein auf Kalorien ausgerichtete Ernährung – Kartoffeln, Reis, Hülsenfrüchte, Konserven – überhaupt erst aufwerten. Und mit „Aufwertung“ ist hier nicht Luxus gemeint, sondern Notwendigkeit: Mineralstoffe, Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe.
In diesem Zusammenhang sei auch auf etwas hingewiesen, das erstaunlich oft vergessen wird: Salz. Ob Meer- oder Steinsalz – es gehört zu den unverzichtbaren Grundlagen menschlicher Ernährung. Aber es müssen Natursalze sein. Sie enthalten bis zu 70 wichtige Mineralien und Spurenelemente!
Der oft verkannte Notvorrat
Ein Punkt verdient besondere Klarheit: der Notvorrat.
Üblicherweise denkt man an Wasser, Konserven, vielleicht noch Hygieneartikel. Das ist nicht falsch – aber unvollständig.
Entscheidend sind Öle und Fette.
In einer Mangelsituation lassen sich Grundnahrungsmittel vergleichsweise eher beschaffen: Kartoffeln, Möhren, Kohl, Reis. Auch einfache Konserven sind meist verfügbar.
Was fehlt, sind hochwertige Fette. Hier ein weiterführende Beitrag dazu >>
Übrigens: Berichte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – etwa aus Dresden 1945/46, die mir erzählt wuden – zeigen ein klares Bild: Die Ernährung war nicht nur knapp, sondern vor allem monoton. Pellkartoffeln mit Salz sättigen – aber sie ermüden den Menschen rasch.
Der Unterschied zu Bratkartoffeln oder Pommes ist kein Luxusproblem, sondern ein physiologisches und psychologisches. Fett entscheidet über Energie, Sättigung, Geschmack – und damit über Durchhaltefähigkeit.
Gerade in normalen Zeiten wird das oft unterschätzt. Doch es sind die hochwertigen Öle und Fette, die letztlich darüber bestimmen, ob Ernährung nur ausreicht – oder wirklich trägt.
Sammeln + Kaufen → Zubereitung
Was den Garten betrifft – also den Eigenanbau von Obst, Gemüse oder auch eine mögliche Hühnerhaltung – gilt weiterhin das Grundprinzip:
Produktion → Ernte → Zubereitung
Doch man sollte sich nichts vormachen: Anbau und Ernte sind nur ein Teil der Selbstversorgung. Und nicht selten ein ineffizienter. Viele Hobbygärtner produzieren Verluste, verschwenden Ressourcen oder arbeiten dauerhaft unter ihrem Potenzial.
Der entscheidende Schritt liegt daher woanders.
Wer (auch ohne Garten) lernt, den zweiten Bereich zu beherrschen, also die Veredelung von Lebensmitteln, der gewinnt reale Autonomie. Gemeint ist hier das Gegenteil industrieller Verarbeitung: bewusstes, zielgerichtetes Haltbarmachen und Bekömmlichmachen.
Wer das versteht und praktiziert, wird schrittweise unabhängiger. Nicht durch große Parolen, sondern durch tägliche Praxis.
Und das gilt gleichermaßen für Krisenzeiten wie für den gewöhnlichen Alltag.
Nicht der Mensch ist arm, der wenig besitzt – sondern der, der nicht weiß, wie er das Wenige zu nutzen hat.
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