Die Datierung des Weihnachtsfestes
Eine alte Frage – neu betrachtet
Warum feiern wir Weihnachten am 25. Dezember?
Diese Frage beschäftigt Historiker, Theologen und kulturgeschichtlich Interessierte seit Langem. Auch ich habe mich bereits vor einem Jahr in einem Blogartikel mit ihr befasst. Was zunächst wie ein Randthema liturgischer Geschichte erscheint, berührt bei näherem Hinsehen grundlegende Fragen historischer Methodik.
Eine weitverbreitete Erklärung, wohl im 19. Jahrhundert popularisiert, besagt, die sich formierende Staatskirche habe das Weihnachtsfest bewusst auf ein römisch-heidnisches Sonnenfest gelegt, um dieses zu „christianisieren“. Gemeint ist der Kult des Sol Invictus, des „unbesiegten Sonnengottes“. Diese Deutung ist als Übernahmetheorie (Pagan-Origin-Theory) bekannt, anerkannt, aber auch stark angefochten:
In den letzten Jahrzehnten hat sich nämlich eine quellenkritisch entgegengesetzte Interpretation herausgebildet: die sogenannte Berechnungstheorie (Calculation Theory). Sie soll hier nicht nur vorgestellt, sondern auch in ihrem erkenntnistheoretischen Gehalt ernst genommen werden.
Der Kult des Sol Invictus
Kaiser Aurelian erhob 274 n. Chr. den Sol Invictus zur staatlich geförderten Gottheit. Ziel war politische Integration in einer Phase massiver Reichskrisen. Er weihte einen Tempel und stiftete Spiele – vor allem Wagenrennen –, die jedoch nicht im Dezember, sondern überwiegend vom 19. bis 22. Oktober stattfanden.
Der Tempel selbst wurde am 25. Dezember eingeweiht. Dieses Datum fiel im julianischen Kalender mit der Wintersonnenwende zusammen – jenem Zeitpunkt, an dem die Tage wieder länger werden. Symbolisch stand dies für die „Wiedergeburt“ der Sonne. Ob der 25. Dezember jedoch von Beginn an ein regelmäßig begangener Feiertag war, ist nicht sicher belegt.
Die erste eindeutige Quelle für ein Fest des Dies Natalis Solis Invicti am 25. Dezember findet sich erst im Chronographen von 354 n. Chr. – also vergleichsweise spät.
Chronologie statt Vermutung
Und genau hier wird die Chronologie brisant.
Denn zu diesem Zeitpunkt war das christliche Weihnachtsfest in Rom bereits etabliert, spätestens seit 336 n. Chr.
Zahlreiche Forscher – darunter Steven Hijmans – halten es daher für wenig plausibel, von einer direkten Übernahme zu sprechen. Einige gehen sogar davon aus, dass der heidnische Festtag eine reaktive Setzung gegenüber einem bereits bestehenden christlichen Datum gewesen sein könnte.
Die zeitliche Abfolge spricht jedenfalls gegen die Vorstellung eines schlichten „christlichen Diebstahls“. Zugleich fällt auf: Die Quellenlage ist auf beiden Seiten dünn. Die Berechnungstheorie verfügt zwar über eine innere Logik, leidet aber ebenso unter der Knappheit expliziter zeitgenössischer Zeugnisse wie die Übernahmetheorie. Sicherheit wird hier oft durch Plausibilität ersetzt.
Die christliche Berechnung
Die Berechnungstheorie geht davon aus, dass der 25. Dezember aus innerchristlichen Überlegungen hervorging, insbesondere im römischen Umfeld.
Bereits um 200–235 n. Chr. nennt Hippolyt von Rom in seinem Danielkommentar den 25. Dezember als Geburtstag Jesu – zu einer Zeit, in der der Sol-Invictus-Kult noch keine staatlich dominante Rolle spielte.
Zugrunde liegt eine antike Vorstellung von bemerkenswerter Konsequenz: Große Heilsgestalten sterben am selben Datum, an dem sie empfangen wurden. Für Jesus wurde sein Tod häufig auf den 25. März datiert – sei es als Passionsdatum, sei es in Anlehnung an die Frühlings-Tagundnachtgleiche. Rechnet man neun Monate hinzu, ergibt sich folgerichtig der 25. Dezember.
Das Entscheidende daran ist weniger das Ergebnis als die Denkform: Zeit erscheint hier nicht linear, sondern integral, als geschlossener heilsgeschichtlicher Zusammenhang.
Lichtmetaphorik und kosmische Symbolik
Dass der 25. Dezember zugleich mit der Wintersonnenwende zusammenfällt, wurde in der Folge theologisch gedeutet, nicht berechnet.
Christen verstanden Christus als
„Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 4,2)
und als
„Licht der Welt“ (Joh 8,12).
Kirchenväter wie Ambrosius [4] oder Augustinus [5], deren Denken stark metaphorisch geprägt war, griffen diese Symbolik bewusst auf. Sie erklärten damit das Fest – sie begründeten es nicht. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Deutungen erst in einer Zeit formuliert wurden, in der auch der römische Feiertag Dies Natalis Solis Invicti bereits etabliert war.
Wie dem auch sei: Der heutige Forschungskonsens (u. a. Hijmans, Talley, Schmidt [1–3]) betont die innerchristlichen Wurzeln des Datums. Weihnachten erscheint damit weniger als Anpassung denn als bewusste Feier des Lichts, das in die Welt gekommen ist.
Kommentar
Die Berechnungstheorie mag heute die elegantere Erklärung für die Festlegung des Weihnachtsdatums sein. Zugleich fällt auf, dass die eigentlichen Urchristen – ebenso wie die Verfasser der Evangelien – offenbar kein besonderes Interesse am Geburtsdatum Jesu hatten. Auch das ist eine aufschlussreiche Beobachtung.
Was sich mir aus der wissenschaftlichen Debatte jedoch als weit größere Erkenntnis erschlossen hat, ist etwas anderes:
Dass in Europa – von der Jungsteinzeit an bis weit in die Bronzezeit hinein – Sonnenwenden und noch mehr die Tag-und-Nacht-Gleichen im kosmologischen und vermutlich auch religiösen Denken eine überragende Rolle spielten, gilt als weithin bekannt. Dass diese Kalenderdaten jedoch so eng mit Vorstellungen von Zeugung, Geburt und Vollendung verknüpft waren, war mir bis dahin nicht bewusst.
In diesem Sinne hat mir der Streit der Wissenschaft weniger eine Antwort als eine neue Perspektive eröffnet – eine, zu der ich mit großer Sicherheit zurückkehren werde.
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[1] Steven Hijmans: „Sol Invictus, the Winter Solstice, and the Origins of Christmas“ (2003)
[2] Thomas J. Talley: The Origins of the Liturgical Year (1991)
[3] T. C. Schmidt: Artikel zu Hippolyt und dem 25. Dezember
[4] Ambrosius von Mailand (ca. 339/340 – 4. April 397 n. Chr.) Ambrosius wirkt noch im 4. Jahrhundert, also in der Phase, in der das Weihnachtsfest bereits liturgisch gefestigt ist, aber theologisch noch stark ausgelegt und symbolisch aufgeladen wird.
[5] Augustinus von Hippo (13. November 354 – 28. August 430 n. Chr.) Augustinus gehört zur nachfolgenden Generation und reflektiert Weihnachten bereits als etablierte Größe – seine Lichtmetaphorik ist eindeutig deutend, nicht datierend.
- https://grokipedia.com/page/Sol_Invictus
- https://en.wikipedia.org/wiki/Christmas_controversies