Gourmet-Spinat: Warum der Aussaatzeitpunkt über den Geschmack entscheidet

Spinat Anfang Mai

Bild: Spinat Anfang Mai als Vorkultur zum Knollensellerie, der Ende Mai gepflanzt wird. Die frühe Saat erzeugt den Gourmet-Spinat.

[Beitrag in Erstellung]

Eine späte Erkenntnis im eigenen Garten

Manchmal sind es keine neuen Erkenntnisse, sondern verspätete Einsichten, die einem im Garten begegnen.

Erst im vergangenen Jahr ist mir bewusst geworden, dass unser selbst angebauter Spinat geschmacklich in einer ganz anderen Liga spielt als jener, den wir früher im Supermarkt gekauft hatten. Angenehmer, milder, runder – kurz: unvergleichlich.

Eigentlich hätte mir das schon früher auffallen müssen. Schließlich bauen wir in unserem Garten mindestens seit 2011 regelmäßig Spinat an. Doch wie so oft liegt die entscheidende Einsicht nicht in der Wiederholung, sondern in der Abweichung.

 


Der unscheinbare Unterschied: der Zeitpunkt

Der Unterschied zum Vorjahr bestand darin, dass wir im sehr zeitigen Frühjahr eine größere Menge Spinat ausgesät hatten. Ohne es zu ahnen, trafen wir damit genau den entscheidenden Punkt.

Bis dahin war es bei uns üblich gewesen, den Hauptanteil des Spinats im August zu säen. Diese Praxis hatte durchaus ihre Vorteile: Bereits im Dezember konnten wir erste kleine Ernten einfahren, die Haupternte folgte im zeitigen Frühjahr. Anfang Mai waren die Beete dann wieder frei – bereit für wärmeliebende Kulturen tropischen Ursprungs wie Auberginen, Tomaten und Paprika.

Zweckmäßig war das. Geschmacklich jedoch offenbar nicht optimal.

Ein Blick zurück: Spinatwissen von 1894

Den entscheidenden Hinweis fand ich erst kürzlich – in einem alten Gartenbuch aus dem Jahr 1894, einem schmalen, aber bemerkenswert gehaltvollen Werk zum Gemüsebau. Dort wird ein Unterschied beschrieben, der heute kaum noch Beachtung findet: der Zusammenhang zwischen Aussaatzeitpunkt und Geschmack des Spinats.

Otto Nattermüller schreibt:

„Spinat. […] Die Frühjahrsaussaat wird breitwürfig oder auch in Reihen [1] so zeitig wie möglich gemacht auf frisch oder im Herbst zuvor stark gedüngten Beeten, nicht zu dicht ausgeführt, und liefert den bei weitem zartsten (!). […]
Die Herbstsaat wird um die Mitte September nach Abernten der Frühkartoffeln ohne erneute Düngung auf womöglich nach Norden geneigten oder schattig gelegenen Beeten bewirkt, liefert im Frühjahr zeitiger, aber härteres Gemüse. Zur Düngung des Spinats ist wiederholtes Gießen mit Jauche besonders empfehlenswert.“ (Quelle [2])

Geschmack ist eine Frage des Moments

Erst durch diesen Hinweis wurde mir klar, dass der besondere Geschmack unserer letztjährigen Spinaternte nicht einfach daher rührte, dass sie aus dem eigenen Garten stammte. Entscheidend war vielmehr der Zeitpunkt der Aussaat – und damit die Wachstumsbedingungen, unter denen sich Aroma und Zartheit ausbilden konnten.

Der Spinat aus sehr früher Aussaat wächst langsam, bei kühlem Wetter, ohne Stress. Er bildet weniger Bitterstoffe, bleibt zart und entwickelt ein feineres Blatt. Spätsommer- und Herbstsaaten hingegen liefern zwar früh im Jahr Ertrag, doch geschmacklich offenbar auf Kosten der Zartheit.

Wiederholung ausdrücklich erwünscht

Dieses kleine Experiment werde ich selbstverständlich wiederholen. Die Ergebnisse werde ich bei Gelegenheit ergänzend festhalten. Gartenbau lebt schließlich nicht von einmaligen Beobachtungen, sondern von überprüfbarer Erfahrung.

Zum Schluss: Saatgut als gärtnerische Pflicht

Abschließend sei noch ein Punkt betont, der mir besonders wichtig erscheint: Beim Anbau von Spinat im eigenen Nutzgarten sollten wir das Saatgut unbedingt selbst gewinnen.

Zu diesem Zweck säen wir auf einem Randstück – klein, aber auf gutem Boden – auf etwa 1 × 1 Meter im April, Mai oder Juni Spinat aus. Diese Pflanzen lassen wir bewusst in den Samen gehen und vollständig abtrocknen. Das trockene Bündel wird anschließend abgeschnitten und an einem luftigen, trockenen Ort aufgehängt.

Da der Samen nicht von selbst ausfällt, ist dies eine ausgesprochen einfache und sichere Methode, um Saatgut bis zum nächsten oder sogar übernächsten Jahr aufzubewahren. Zugleich erlaubt sie uns, großzügig zu säen – ganz im Sinne Nattermüllers, der die breitwürfige Aussaat ausdrücklich empfiehlt.

Und selbst wenn nicht jede Pflanze geerntet wird: Spinat ist ein hervorragender Gründünger. Kaum eine Kultur verbindet Nutzen, Geschmack und Bodenpflege so unaufdringlich.

Quellen, Hinweise

[1] Ergänzendes zur Kultur: Beachte, dass Spinat ein Dunkelkeimer ist. Man sät ihn 2-3 cm tief. Bei der breitwürfigen Aussaat wird der Samen mit einer Hacke in den Boden eingearbeitet. Die Kultur mag einen lockeren, nährstoffeichen Boden in Sonne oder Halbschatten.

[2] Otto Nattermüller, Obst- und Gemüsebau, Berlin 1894, S. 15–16, „Gemüsearten für die erste Tracht“

[2a] Über Otto Nattermüller selbst ist leider nur wenig bekannt. Es existieren weder ausführliche Biografien noch Lexikoneinträge oder Hinweise auf eine größere öffentliche Karriere als Hofgärtner oder Gartenbauschriftsteller. Vermutlich war er ein praktizierender Gärtner oder Gartenbaulehrer seiner Zeit, der ein solides, praxisnahes Buch für den täglichen Gebrauch verfasste – kein Starautor der Gartenliteratur wie etwa Johannes Böttner oder spätere Bestsellerautoren, aber gerade deshalb umso lesenswerter.

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