Symbolbild: Wohlstand in der mitterlern Steinzeit
Es gibt Vorstellungen, die sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingegraben haben. Eine der hartnäckigsten lautet: Landwirtschaft sei aus Not entstanden – aus Hunger, aus Klimaverschlechterung, aus dem Druck wachsender Populationen.
Das vertraute Schulbuch-Narrativ erzählt von einer Menschheit, die durch Ressourcenknappheit gezwungen wurde, den Weg des Ackerbaus einzuschlagen, als das Wild seltener und das Sammeln unsicherer wurde.
Dieses Bild prägt noch immer Museen, Lehrpläne und populärwissenschaftliche Literatur.
Doch es ist – und das lässt sich heute klar sagen – seit mindestens zwei Jahrzehnten nicht mehr haltbar.
Ein Gegenentwurf drängt sich auf – und er wirkt auf den ersten Blick paradox:
Landwirtschaft entstand nicht im Mangel, sondern im Überfluss.
Nicht aus Zwang, sondern aus Freiheit.
Sie war die Erfindung von Menschen, die über Zeit, Muße und Experimentierfreude verfügten – nicht über Verzweiflung.

Die üppige Welt vor 12.000 Jahren
Wenn wir in jene Epoche zurückblicken, die Kent Flannery die „Broad Spectrum Revolution“ nannte – etwa 10.000 v. Chr. und schon Jahrtausende davor – begegnen wir keiner kargen Steinzeit, sondern einer Welt, die in vielen Regionen erstaunlich reich war.
Klimatisch befand sich der östliche Mittelmeerraum ab etwa 14.700 Jahren vor heute in einer feuchten, warmen, vegetationsreichen Phase [1]. Große Teile der Sahara, Arabiens und der Levante waren von Savannen, Seenlandschaften und Flussnetzen durchzogen. Wo heute Trockensteppe oder Wüste dominieren, herrschte damals eine ökologische Fülle, die Menschen wie Großtiere gleichermaßen anzog.
In dieser Umgebung lebten Jäger-Sammler nicht am Rand des Existenzminimums, sondern eher in einer Art „mesolithischen Wohlstand“. Besonders an den Rändern dieser Überflusszonen – dort, wo saisonale Ressourcen sich gegenseitig ergänzten (!) – begannen Gruppen früh damit, lange Zeiträume am selben Ort zu verbringen.
Die Natufier der Levante sind dafür das eindrucksvollste Beispiel. Schon vor der Landwirtschaft bauten sie Steinhäuser mit verputzten und polierten Böden ud Wände, richteten Vorratsräume ein, nutzten Mörser und Reibsteine, entwickelten spezialisierte Sicheln und sammelten Wildgetreide in einer Intensität, die spätere Bauern kaum übertrafen. Ausgrabungen in Jericho und Ain Mallaha zeigen: Sesshaftigkeit ging dem Ackerbau voraus.
Sesshaftigkeit vor Ackerbau.
Vorräte vor Domestikation.
Reichtum vor Notwendigkeit.
Ein Muster, das sich weltweit an vielen Orten wiederholt.
Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft
Marshall Sahlins prägte dazu den Ausdruck von der „original affluent society“, der ursprünglichen Wohlstandsgesellschaft [2]. Gemeint ist eine Gesellschaft, die nicht deshalb reich ist, weil sie viel besitzt, sondern weil sie ihre Bedürfnisse leicht befriedigen kann.
Jäger- und Sammlergruppen in reichen Umwelten:
- arbeiteten weniger,
- waren oft gesünder,
- hatten mehr soziale und kulturelle Zeit,
- und verfügten über ein vielfältiges Nahrungsspektrum.
Dieses Leben war in vieler Hinsicht freier als das spätere Dasein der ersten Bauern, die mehr arbeiteten, stärkere Abhängigkeiten hatten und anfälliger für Krankheiten wurden.

Warum also Landwirtschaft?
Wenn Landwirtschaft keineswegs sofort „besser“ war – warum entstand sie dann?
Eine mögliche Antwort:
Weil sie möglich war.
Eine überflussgesättigte Gesellschaft kann sich Experimente leisten. Menschen konnten daran arbeiten, Wildgräser dichter zu säen, Mikrohabitate zu pflegen, Pflanzen anregen, sich in menschlicher Nähe zu halten – lange bevor echte Domestikation einsetzte.
Ackerbau beginnt nicht als Revolution, sondern als Spiel, als kulturelles Experiment, als Gartenarbeit.
Vielleicht lockte am Anfang nicht das Brot, sondern das Bier.
Vielleicht ging es weniger um Kalorien als um Feste, Vorräte, soziale Stabilität.
Vielleicht war das Ziel nicht mehr Arbeit, sondern mehr Planbarkeit.
Landwirtschaft wird in diesem Licht zum Nebenprodukt eines kreativen Überflusses – nicht einer existenziellen Notlage.

Viele Anfänge statt einer „Wiege der Zivilisation“
Heute zeigt sich immer deutlicher: Es gab nicht eine, sondern viele Zonen, in denen Menschen unabhängig voneinander landwirtschaftliche Horizonte erkundeten – in Anatolien, China, Papua-Neuguinea, Mesoamerika, im Andenraum und zuletzt auch in Westafrika. Die Welt war kein Flickenteppich von Notgesellschaften, sondern ein Netz aus fruchtbaren Ökologien und sozialen Experimenten.
Und das eigentlich Überraschende:
Ackerbau wurde nicht sofort zu einem Erfolgsmodell.
Er wurde erst attraktiv, als er soziale Vorteile versprach.
Erst später – Jahrtausende nach seinen Anfängen – wurde er zur Grundlage von Großgesellschaften, Staaten, Städten. Und erst dann traten jene Probleme auf, die Sahlins und Scott so betonen: mehr Arbeit, mehr Krankheit, mehr soziale Ungleichheit.
Doch dieser „Niedergang“ ist nicht die ganze Geschichte.
Besonders in Europa zeigt die Donauzivilisation, dass das Neolithikum auch Jahrtausende von Wohlergehen, Vielfalt und kultureller Blüte hervorbrachte – ein Aspekt, den Haarmann zu Recht betont.
Schlussgedanke
Landwirtschaft erscheint aus dieser Perspektive nicht als eine Erfindung gegen den Hunger, sondern als ein Luxusprojekt einer Welt im Überfluss.
Sie war ein kulturelles Experiment, geboren aus Wohlstand, Neugier und Gestaltungslust.
Vielleicht ist die Landwirtschaft ein Kind des Überflusses –
und wurde erst später zur Mutter des Mangels.
Doch das wäre eine andere Geschichte.
Für uns heute bleibt dennoch eine Botschaft:
Es war ein Irrglaube, dass Technik und Fortschritt allein ein zufriedenes Leben schaffen können. Der Mensch trug von Anfang an alle Anlagen in sich, um mit wenigen Mitteln jenes vita beata zu leben, das Seneca beschrieb – das glückliche, selbstgenügsame Leben.
Dieses Fundament heißt Autarkie.
Nicht im Sinne völliger Abgeschiedenheit, sondern als die Fähigkeit, aus eigener Kraft zu leben, zu handeln, zu denken und zu entscheiden.
Vielleicht sollten wir genau diese innere und äußere Selbstgenügsamkeit wiederentdecken – vielleicht durch ein Stück Selbstversorgung –
und erst darauf aufbauend Technik und Fortschritt nutzen, statt sie zu unserem Ersatz für Sinn und Einfachheit zu machen.
Quellen und Ergänzungen
[1] Die Feuchtphase des östlichen Mittelmeerraums beginnt im Bølling–Allerød-Interstadial (ab ca. 14.700 BP) – einer warmen Spätphase der letzten Eiszeit. Auch das anschließende Frühholozän (ab 11.700 BP) blieb über Jahrtausende feucht und grün, bevor ab dem mittleren Holozän schrittweise Aridisierung einsetzte. Spätestens nach dem 8.2-ka-Ereignis verloren Levante und Arabien ihren üppigen Charakter und wandelten sich zu den heutigen semiariden Landschaften.
[2] Marshall Sahlins’ „Stone Age Economics“ (1972) formulierte die These der „original affluent society“ anhand ethnografischer Daten u. a. der !Kung [2b] und australischen Jägergruppen. Seine Sicht wurde später von James C. Scott („Against the Grain“, 2017) vertieft: Landwirtschaft führte zu mehr Arbeit, Krankheit und Ungleichheit.
Doch beide unterschätzen die neolithische Blüte im Donauraum (7000–3000 v. Chr.), die Marija Gimbutas (1921–1994) und Harald Haarmann als „älteste Hochkultur Europas“ beschreiben – ein Gegenbeispiel zu einem zu pessimistischen Fortschrittsmodell.
[2b] wikipedia.org/wiki/!Kung Hier bei Wikipedia findet sich allerdings auch der merkwürdige Satz: „Die San-Völker [Buschleute] gelten als ärmste Volksgruppe der Welt.“ Im Kontext mit den Beobachtungen Shalins ein Paradoxon … allerdings nicht für mich.
[2c] SCOTT, James C.; „Against the Grain: A Deep History of the Earliest States„; 2017; Rezension auf wikipedia
[3] „Körperhöhe als Wohlstandsindikator„: Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe am Institut für Prähistorische Archäologie der FU Berlin; LiVES Lebensbedingungen und biologischer Lebensstandard in der Vorgeschichte Südwestasiens und Europas; Berlin 2019
Bildquellen:
2) https://commons.wikimedia.org/wiki/ File:Epipaleolithic_Stone_Mortars, _Nahal_Oren_and_Eynan,_Israel_Museum.jpg
3) https://commons.wikimedia.org/wiki/ File:Bovine-Rib_Dagger,_Natufian_Culture.jpg
4) Bild „Gefäß aus der frühen Jōmon-Zeit“: https://commons.wikimedia.org/wiki/ File:JomonPottery.JPG → Die frühe Jōmon-Zeit (ca. 11.000–7000 BC) bezeichnet die Phase unmittelbar nach dem Ende der letzten Kaltzeit in Japan. Sie ist geprägt durch die Nutzung von Mikrolithen, zunehmende Sedentarisierung in küstennahen und waldreichen Habitaten, die Herstellung der frühesten charakteristischen Jōmon-Keramik mit Kordeldekor sowie eine breit gefächerte Subsistenzstrategie, die F
https://en.wikipedia.org/wiki/Xianren_Caveischfang, Jagd auf Kleinwild, Sammeln von Nüssen, Esskastanien (!) und die Nutzung mariner Ressourcen kombinierte.
Die ältste bekannte Keramik aus Japan stammt aus der beginnenden Jōmon-Zeit (Sōsō-ki) ca. 14.500 – 11.000 v. Chr., also aus der Eiszeit uns wurde direkt auf 14.500 v. Chr. datiert.
Die bisher älteste bekannte Keramik der Welt wurde in der Xianrendong-Höhle (仙人洞, Xiānréndòng) in der Provinz Jiangxi im südöstlichen China gefunden und wurden auf 18.000 bis 16.000 v. Chr. datiert, also: Eiszeit und Paläolithikum!!! Töpferei ist das Indiz einer Form sesshafter Lebensweise.
- https://www.science.org/doi/10.1126/science.1218643
- https://www.historyofinformation.com/detail.php?id=3258
- https://en.wikipedia.org/wiki/Xianren_Cave