Knollensellerie: Eisenbahn, Gartenbau und die kurze Blüte einer sächsischen Kulturpflanze

Leipzig-Dresdner Eisenbahn 1837

Bild: Mit der Fertigstellung der Riesaer Elbbrücke am 7. April 1839 war die Gesamtstrecke (Leipzig–Dresden) der ersten wirtschaftlich betriebenen Eisenbahn Deutschlands durchgehend eröffnet. Zugleich markiert dieses Datum den Beginn eines florierenden Gartenbaus. 1839 lag nur 14 Jahre nach der Erfindung der Eisenbahn in England und lediglich vier Jahre nach dem ersten Landerwerb für das Projekt! [1]

Ein beiläufiger Satz – und seine Folgen

➡️ Vorweg gesagt: Im heutigen Blogartikel geht es gar nicht so sehr um den Sellerieanbau an sich (siehe Haupt-Überschrift).

Der eigentliche Anstoß, mich vor einigen Jahren – es dürfte um 2020 gewesen sein – intensiver mit dem Anbau von Knollensellerie zu beschäftigen und ihn seither fest in mein Selbstversorger-Sortiment aufzunehmen, war ein eher beiläufiger Satz. Er stammt aus einem älteren Werk zum Gemüsebau aus dem Jahr 1897, verfasst von Theodor Lange (online einsahbarter Titel [2]).

Während der Bleichsellerie nur hier und da als Leckerei gebaut wird, ist der Knollsellerie ein Handelsartikel wie wenig andre Gemüse. Sein Massenanbau übertrifft an vielen Orten, z. B. im Königreich Sachsen, denjenigen des Kopfkohls bedeutend, obgleich der Kohl ein Nahrungsgemüse, der Knollsellerie nur eine Gewürz- und Salatpflanze darstellt.

Dieser Hinweis ließ mich aufhorchen.
„Sein Massenanbau übertrifft … denjenigen des Kopfkohls bedeutend“im Königreich Sachsen?

 


Verwunderung

Bemerkenswert: Ich lebe im „Königreich Sachsen“ … und ich habe in Dresden eine Gärtnerlehre absolviert … und ich interessiere mich seit Jahren für Regional- und Gartenbaugeschichte – und lese nun zum ersten Mal davon, dass Sachsen ein „Sellerie-Land“ war?

Also begann ich, den Knollensellerie zunächst ganz praktisch zu studieren: Anbau, Sorten, Standortansprüche und baue ihnauch selber an – anfangs wohl als Lokalpatriot, doch mittlerweile ist es für uns ein unentbehrliches Gemüse geworden. Es gelingt sicher und bringt hohe Erträge.

Doch damit war die Sache nicht erledigt. Mich ließ der historische Befund nicht los. Wie konnte es sein, dass um 1897 von einem regelrechten Massenanbau die Rede ist – und heute keinerlei Erinnerung daran existiert?

Knollensellerie ernte

Auf der Suche nach dem verlorenen Zeitfenster

Ich begann, in größeren Abständen in die sächsische Gartenbaugeschichte einzutauchen. Auffällig war dabei vor allem eines:
In der einschlägigen Literatur des 18. Jahrhunderts findet sich kein einziger Hinweis auf einen solchen Sellerie-Schwerpunkt. Und schon kurz nach der Jahrhundertwende um 1900 verschwindet er wieder vollständig aus den Quellen.

Es musste also ein zeitlich eng begrenztes Fenster im 19. Jahrhundert gegeben haben, in dem dieser intensive Anbau stattfand.

Die Erklärung dafür liegt – und das war eine wichtige Erkenntnis – weniger in der Gartenbaugeschichte selbst, sondern vielmehr in der Technikgeschichte. Genauer: in der industriellen Revolution und der Einführung der Eisenbahn.

Eisenbahn als Voraussetzung des Gemüseexports

Der vorliegende Artikel soll nicht ausufern, doch ein kurzer Blick auf die Entwicklung des Eisenbahnwesens ist hier unvermeidlich.

Die Erfindung der Dampfmaschine und noch mehr der Eisenbahn, markiert bekanntlich den entscheidenden Wendepunkt der industriellen Revolution. Mit der Dampflokomotive von George Stephenson (1825) – der ersten Dampflock mit nennbarer Geschwindigkeit und Leistung – begann diese Entwicklung in England. In Deutschland wurde sie durch die Eröffnung der ersten dampfbetriebenen Fernbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden (1837–1839) entscheidend vorangetrieben.

Während die Strecke Nürnberg–Fürth (1835) noch primär Demonstrationscharakter hatte, bewies das sächsische Projekt – nicht zuletzt unter dem Einfluss Friedrich Lists – erstmals die wirtschaftliche Überlegenheit des Systems. In der Folge entwickelte sich der Eisenbahnbau rasch von isolierten Einzelstrecken zu einem polyzentrischen, netzartigen System.

Nach der deutschen Reichsgründ (1871) wurde dieser Ausbau massiv beschleunigt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verfügte Deutschland über eines der dichtesten und effizientesten Schienennetze der Welt – ein logistisches Rückgrat für Warenverkehr, Mobilität und wirtschaftliche Integration.

 

Leipzig Dresdner Eisenbahn alter Stich
Provisorisches Stations-Restaurant (!) bei Althen (Leipzig) mit abfahrendem „Dampfwagen“ um 1837. Die Planung des Gesamtprojekts (Bahnstreche Leipzig-Dresden) begann 1835!

14 Jahre – ein historischer Vergleich

Ein kurzer Einschub sei mir erlaubt:
1825 fuhr in England die erste Eisenbahn mit nennenswerter Geschwindigkeit. 1839 war im Königreich Sachsen bereits eine erste wirtschaftlich nutzbare Fernbahnstrecke vollständig geplant, gebaut und in Betrieb.

Vierzehn Jahre.

Nur zur Erinnerung: Der Flughafen BER wurde von 2006 bis 2024 gebaut. Ebenfalls vierzehn Jahre.

In Sachsen hatte man in derselben Zeitspanne mit einer kurz zuvor erfolgten neuartigen Erfindung und Technologie ein funktionierendes Verkehrssystem geschaffen – inklusive Infrastruktur, Organisation und wirtschaftlicher Nutzung.

Leipzig als Gartenstadt der Industrialisierung

Diese Dynamik wirkte sich unmittelbar auf die Wirtschaft, Wissenschaft, Technik – und erstaunlicherweise auch auf den Gartenbau aus. Besonders im Raum Leipzig, begünstigt durch fruchtbare Böden, die frühe Bahnanbindung und modernen Gewächshausbau, entstand eine hochspezialisierte Marktgärtnerei.

 

Knollensellerie-Pflanzen mit dicken Knollen

Gemüsearten mit besonderen Standortansprüchen, darunter der Knollensellerie, performten hier zu regelrechten Exportschlagern. Leipzig und Umgebung wurde – paradoxerweise durch die Industrialisierung – zur Gärtnerstadt. Per Eisenbahn (gesonderte Eilzugverbindungen) belieferte man nicht nur Berlin, sondern exportierte Gemüse bis nach England.

Sachsen war damit keineswegs ein Sonderfall. In Bayern etwa versorgten die Gärtnereien von Weichs und Reinhausen (heute Regensburg) mit dem berühmten „Rettichzug“ die Münchner Bevölkerung mit Radi.
→ Weitere Zentren siehe [3].

Vor der Eisenbahn: Nähe oder Wasserweg

Vor dem Eisenbahnzeitalter, also im 18. Jahrhundert, lagen Marktgärtnereien entweder unmittelbar bei den Städten – man denke an die Pariser Marktgärtner – oder an günstigen Wasserwegen. London nutzte die Themse, Belgien seine Kanäle, Venedig die Garteninseln der Lagune wie Sant’Erasmo.

Die Eisenbahn durchbrach dieses räumliche Korsett vollständig.

Marktwirtschaft, Infrastruktur – und ihr Verlust

Am Beispiel der Markt- und Handelsgärtnereien lässt sich der enorme wirtschaftliche Aufschwung ablesen, der durch den Eisenbahnbau und funktionierende marktwirtschaftliche Strukturen ermöglicht wurde. Das eingangs erwähnte Beispiel BER zeigt hingegen recht deutlich, wo wir heute (2026) in dieser Hinsicht stehen. Sternenwelten von 1839 entfert – in neosozialistischer Planwirtschaft.

Und genau deshalb lohnt der Blick zurück:
Heimatgeschichte ist mehr als Folklore und Lokalpatriotismus. Sie ist ein Erfahrungsraum, aus dem sich erstaunlich präzise Gegenwartsdiagnosen ableiten lassen.

Aufstieg und Verschwinden der Selleriekultur

Mit der Eisenbahn lässt sich der Aufstieg der sächsischen Selleriekultur also gut erklären. Bleibt die Frage: Warum verschwand sie wieder so vollständig?

Schon in Quellen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts findet sich kein Hinweis mehr auf einen besonderen Sellerieanbau. Die Antwort liegt – wie bereits andernorts ausgeführt – in einer scheinbar kleinen, tatsächlich aber folgenreichen Erfindung: dem Maggi-Würfel (1908).

 

altes Blech-Maggi-Werbeschild

Die bürgerliche Küche des 19. Jahrhunderts arbeitete mit ständig vorrätigen Fleischbrühen als Universalwürze. Knollensellerie war ein zentraler Bestandteil dieser Bouillons. Das industrielle Fleischextrakt ersetzte diese Praxis in rasanter Geschwindigkeit – und mit ihr das Würzgemüse.

Damit endet die Geschichte der sächsischen Selleriekultur.
Und auch die … meines heutigen Artikels 😏.

 


Quellen und Ergänzungen

[1] Das Direktorium der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie:

Gruppenbild als alter Stich
Das Direktorium der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie. Wie konnte eine kleine Gruppe alter weißer Männer – Techniker, Kaufleute und Juristen – ein derart komplexes Infrastrukturprojekt in erstaunlich kurzer Zeit realisieren* – und warum fällt uns Vergleichbares heute so schwer?

«Das Direktorium der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie (von links nach rechts): Friedrich Busse (Bevollmächtigter), Fleischer (Stellvertreter), Haberstadt (Stellvertreter), Einert (Mitglied), Gessler (Sitzungssekretär), Erdmann (Mitglied), Hirzel (Mitglied), Lampe (Stellvertreter), Harkort (Vorsitzender), Dufour-Feronce (Mitglied), Seyfferth (Stellvertreter), Preusser (Stellvertreter) (Abbildung 1852)»
(Bildquelle Wikipedia) Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie (Wikipedia)

*Die Abfolge der Ereignisse macht die außergewöhnliche Taktung der frühen Eisenbahnentwicklung deutlich: 1825 baute George Stephenson in England die erste leistungsfähige Dampflokomotive. Bereits 1833, nur acht Jahre später, wurde in Leipzig ein Eisenbahn-Comité gegründet, das am 20. November desselben Jahres eine Petition zum Bau der Strecke Leipzig–Dresden an den sächsischen Landtag richtete. 1835 folgten die Gründung der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie als private Aktiengesellschaft sowie die staatliche Genehmigung von Bau und Betrieb. Am 1. März 1836 erfolgte der erste Spatenstich; ab 1837 gingen erste Teilstrecken in Betrieb. Mit der Fertigstellung der Riesaer Elbbrücke am 7. April 1839 war die Gesamtstrecke vollendet – nur 14 Jahre nach der Erfindung der Eisenbahn und lediglich vier Jahre nach Beginn der konkreten Projektumsetzung.

[2] LANGE, Theodor: Allgemeines Gartenbuch, 2. Band: Gemüse- und Obstbau; Leipzig 1897, S. 137

[3] Im deutschsprachigen Raum ragten weiterhin besonders zwei Zentren heraus.
Zum einen Erfurt: Begünstigt durch fruchtbare Lössböden und das spezialisierte Wissen aus der Brunnenkressekultur im Dreibrunnengebiet entwickelte sich die Stadt früh zu einem logistischen Zentrum des Samenhandels und des intensiven Gemüsebaus in Mitteldeutschland.

Die Vormachtstellung Erfurts beruhte auf einer dualen Infrastrukturstrategie. Während die Anbindung an die Via Regia – gewissermaßen eine vormoderne „Reichsautobahn“ – den Aufstieg zum europaweit vernetzten Samenhandelsplatz ermöglichte, eröffnete erst der Ausbau des Eisenbahnnetzes ab der Mitte des 19. Jahrhunderts den großflächigen Export leicht verderblicher Frischwaren in die rasant wachsenden Metropolen Berlin und Leipzig. Zum Einsatz kamen spezielle Eilgüterwagen. Ergänzt wurde dieses System durch eine hochintensive Flächennutzung im Stadtgebiet selbst, wobei die Gera-Arme weniger als Fernwasserwege denn als präzise regulierte Bewässerungs- und Betriebsinfrastruktur dienten.

Das zweite große Zentrum war Bamberg.
Auch hier trafen außergewöhnlich günstige natürliche Voraussetzungen auf eine hochentwickelte Gartenbaukultur. Die sandig-lehmigen Böden des Regnitz- und Mainraums, ein mildes Lokalklima sowie die fein verzweigte Wasserführung schufen ideale Bedingungen für den intensiven Gemüseanbau. Bereits seit dem Spätmittelalter hatte sich in Bamberg eine stark parzellierte Gärtnerlandschaft etabliert, die auf kleinteilige, hochspezialisierte Produktion ausgerichtet war.

Im Unterschied zu Erfurt, dessen Stärke im überregionalen Samen- und Frischwarenhandel lag, zeichnete sich Bamberg durch eine kontinuierliche, innerstädtisch verankerte Marktgärtnerei aus. Die berühmten Bamberger Gärtner nutzten die Flussarme der Regnitz nicht primär als Transportwege, sondern als steuerbares Bewässerungs- und Nährstoffsystem. Mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz um 1844 (!) wurde auch Bamberg in überregionale Absatzmärkte eingebunden, ohne jedoch seine kleinteilige Struktur aufzugeben. Der Gartenbau blieb hier integraler Bestandteil der Stadt – räumlich, wirtschaftlich und kulturell.

Weitere Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/ Leipzig-Dresdner_Eisenbahn-Compagnie (hier das originale Bildmateriel der alten Stiche)

Eröffnung Leipzig Dresdner Bahn
Originalbild von 1839
Eisenbahn Dresden-Leipzig 1837
Originalabbildung von 1837

▶️ Lies auf derkleinegarten.de: Knollensellerie im Garten anbauen  Stangensellerie anbauen

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