25. Januar – Halbwintertag: Die sorbische Vogelhochzeit. Ein Rest animistischen Denkens?

Vogelhochzeit folkloristisch dargestellt

🐦‍⬛💍🐦 Es ist eine jener Selbstverständlichkeiten, die kaum noch wahrgenommen werden: In Teilen Deutschlands – genauer in der Ober- und Niederlausitz – liegt unter der deutschen Sprache eine ältere, slawische Schicht. Es ist die sorbische Kultur.

Mit ihr verbinden sich eigene Bräuche, eigene Zeitrhythmen und ein anderes Verhältnis zur belebten Natur.

Die Vogelhochzeit gehört zu diesen Überlieferungen – unscheinbar im Kalender, aber erstaunlich tief in einer eigenen Weltdeutung verankert.

Die Vogelhochzeit als kulturelle Figur

Die Vogelhochzeit (obersorbisch: Ptači kwas, niedersorbisch: Ptaškowa swajźba) wird bis heute am 25. Januar gefeiert und zählt zu den bekanntesten Bräuchen der zweisprachigen Lausitz. Nach außen wirkt sie villeicht etwas verspielt. Doch unter dieser Oberfläche verbirgt sich eine symbolisch dichte Erzählung über Jahreszeiten, Übergänge und die Beziehung zwischen Mensch und Natur.

Sie wird traditionell am 25. Januar gefeiert – genau heute, am 25. Januar (oder am Vorabend) – und markiert symbolisch das Ende des Winters und den Beginn des Frühjahrs. Der Brauch hat vorchristliche Wurzeln und hängt mit der Beobachtung zusammen, dass Vögel um diese Zeit des Jahres mit der Paarung und Brutvorbereitung beginnen.

 


Naturgeister statt Götter

Eine vorchristliche Lesart

Der Ursprung der Vogelhochzeit ist historisch nicht eindeutig fassbar. Wahrscheinlich ist jedoch, dass der Brauch auf vorchristliche Vorstellungen zurückgeht, in denen die Natur nicht von fernen Göttern regiert wurde, sondern von unmittelbaren, ortsgebundenen Wesen: Naturgeistern, Ahnen, Kräften, die im Wind, im Wald und eben auch in den Vögeln gegenwärtig waren.

In den dunklen Winterwochen stellte man Speisen ins Freie. Diese Gaben galten nicht abstrakten Gottheiten, sondern der lebendigen Umwelt selbst – den Wesen, die den Übergang vom Winter zum Frühjahr begleiteten. Vögel nahmen dabei eine besondere Rolle ein: Sie galten als Mittler zwischen den Welten, als Träger von Seelen, als sichtbares Zeichen unsichtbarer Prozesse.

Ähnliche Praktiken finden sich in vielen Kulturen. In Japan etwa werden bis heute Reis, Salz oder Sake für die Kami – Natur- und Ortsgeister – dargebracht. In keltischen Regionen Europas kannte man Speisegaben an Quellen, Bäume oder Grenzorte. In all diesen Fällen geht es weniger um Opfer im engeren Sinn als um Beziehungspflege: Man gibt, um im Gleichgewicht zu bleiben.

Vom Ritual zur Erzählung

Mit der Christianisierung verloren diese Vorstellungen ihre religiöse Legitimität, nicht aber ihre emotionale Plausibilität. Der Brauch wandelte sich, ohne zu verschwinden. Die Speisegabe wurde zur kindlichen Bescherung, die Naturgeister verwandelten sich in freundliche Vögel, die sich „bedanken“. Was blieb, war die Struktur: ein Austausch zwischen Mensch und Natur.

Die Vogelhochzeit erzählt diese alte Beziehung neu – in einer Form, die anschlussfähig blieb.

Halbwintertag

Hinzu tritt eine zweite Ebene, die den Brauch erdet. Das Licht kehrt zurück, erste Gesänge sind zu hören, Bewegung kommt in die scheinbar erstarrte Landschaft.

In der Volkskunde gilt der 25. Januar, der Tag der Bekehrung des Paulus, als Halbwintertag. Das ist eine bäuerlicher Wetterlostag zu dem es etwa hieß: „Pauli klar, ein gutes Jahr. Pauli Regen, schlechter Segen.“

Die Vogelhochzeit markiert diesen Schwellenmoment: Der Winter ist noch da, aber er hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Die Hochzeit der Vögel ist weniger ein Fest als ein Zeichen.

Gegenwart eines alten Rituals

Heute ist die Vogelhochzeit vor allem ein Kinderfest. Am Vorabend stellen Kinder leere Teller vor die Tür oder auf das Fensterbrett. Am Morgen finden sie Gebäck und Süßigkeiten – häufig in Vogelform. In Schulen und Kindergärten ziehen Kinder in sorbischen Hochzeitstrachten durch die Orte, angeführt vom Hochzeitsbitter mit Zylinder und geschmücktem Stab.

Am Abend übernehmen Erwachsene. Etwa das Sorbische National-Ensemble inszeniert jährlich Programme, die Märchen, Musik und feinen Humor verbinden. Der Brauch ist damit zugleich Spiel, Erinnerung und kulturelle Selbstvergewisserung.

Elster und Rabe – eine sprechende Symbolik

Dass ausgerechnet Elster und Rabe das Hochzeitspaar bilden, ist kein Zufall. Ihr schwarz-weißes Gefieder spiegelt die traditionelle Festkleidung der Lausitz: das helle Brauttuch, den dunklen Gehrock des Bräutigams. Naturbeobachtung und kulturelle Form gehen hier ineinander über – so selbstverständlich, dass die Symbolik kaum erklärt werden muss.

Ein leiser Rest animistischen Denkens

Vielleicht liegt die anhaltende Kraft der Vogelhochzeit gerade darin, dass sie nichts behauptet. Sie erklärt nicht, sie erzählt. Sie bewahrt einen Rest animistischen Denkens in einer Zeit, die Natur meist funktional betrachtet. Ein leiser Hinweis darauf, dass Landschaft einmal als belebt, antwortfähig und beziehungsfähig gedacht wurde.

Und vielleicht ist es genau das, was diesen Brauch bis heute trägt. 💍🐦

Quellen und Ergänzungen

– Zum Thema der „Naturgeister“ findet sich aktuell ein sehenswertes Interview auf Youtube in Gedenken an Sam Hess (1951–2025). Titel: «Das Wichtigste ist: Es gibt keinen Tod!»; YouTube-Kanal: WissensWerteWelt; 23.1.2026; «Der Schweizer Sam Hess (1951–2025) war weit über sein Heimatland hinaus als Autor und Lebensberater bekannt. Als ehemaliger Förster hatte er einen starken Bezug zur Natur und schilderte auch seine Kommunikation mit „Naturwesen“.»

– https://de.wikipedia.org/wiki/Vogelhochzeit

– https://www.ansambl.de/repertoire/kindermusiktheater/die-vogelhochzeit

– Halbwintertag. Brauchtum in Ostbayern: Die Bekehrung des Apostels Paulus

[Zählpixel ][GJ.6.15] G. Jacob, 24.1.2026

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert