Der Noch-nicht-Sommer … aber eigentlich doch
Es ist eine merkwürdige Erfahrung des Jahreslaufs hier in Deutschland und überhaupt im nördlichen Europa: Gerade dann, wenn die Tage am längsten und die Nächte am kürzesten sind, entsteht oft das Gefühl, den eigentlichen Höhepunkt des Sommers noch gar nicht richtig erlebt zu haben.
Denn mit dem Johannistag beginnt astronomisch bereits wieder die Zeit der kürzer werdenden Tage – auch wenn wir das meist erst im Juli bewusst wahrnehmen.
Merkwürdig ist dabei vor allem, dass unser Gefühl für Sommer häufig erst dann richtig einsetzt, wenn der Mittsommer* schon Wochen vorüber ist.
* Ein Paradoxon: Der astronomische Sommeranfang am 21. Juni ist kalendarisch zugleich „Mittsommer“. Nur ein sprachliches Paradoxon?
Warum der Sommer gefühlt zu spät beginnt
Die langen Grillabende mit Freunden, volle Freibäder, Gartenfeste, Stadtfeste oder das eigentliche Urlaubsgefühl vieler Menschen gehören oft eher zum Juli und August als zu den Wochen um die Sonnenwende. Emotional beginnt der Sommer für viele erst dann, wenn das größte Licht des Jahres bereits überschritten ist.
Vielleicht liegt das daran, dass sich der europäische Frühling lange wie ein „Nachwinter“ anfühlt. Noch im April wechseln Sonne, Regen und kalter Wind ständig miteinander ab. Im Mai kommen die Eisheiligen mit ihren kühlen Nächten, und selbst der Juni trägt manchmal noch etwas Vorsichtiges in sich – die Schafskälte erinnert daran.
Erst wenn die Abende wirklich warm werden, wenn man ohne Jacke draußen sitzen kann und die Luft nach trockenem Gras, Rosen und Staub riecht, beginnt für viele Menschen der Sommer auch innerlich.

Die eigentümliche Stimmung des Vorsommers
Und genau darin liegt vielleicht die besondere Stimmung des Vorsommers:
Die Natur steht bereits im größten Licht des Jahres, während das Lebensgefühl des Sommers oft noch auf sich warten lässt.
So entsteht zwischen Nachwinter und Hochsommer eine schwer zu fassende Zwischenzeit. Eine Zeit voller früher Morgenhelle, langer Abende und beinahe endloser Dämmerungen – besonders im Norden. Doch diese Wochen kommen leise. Ohne großes Kalenderdatum, das man wirklich spürt. Ohne dramatischen Übergang.

Vielleicht genießen wir den Mittsommer deshalb oft zu wenig: weil er nicht wie ein Höhepunkt erscheint, sondern eher wie eine unsichtbare Schwelle im Jahr.
Ein kurzer Moment nur, in dem das Licht bereits seinen Gipfel erreicht hat, während der Sommer für unser Empfinden gerade erst beginnt.
Eine schwer erklärbare Zeitqualität
Und vielleicht bleibt gerade deshalb dieser Vorsommer eine so merkwürdige Zeitqualität – schwer zu benennen, kaum festzuhalten und doch voller eigener Stimmung.
Man muss vermutlich auch nicht immer alles völlig erklären können. Manche Zeiten des Jahres wirken einfach auf eine geheimnisvolle Weise, die sich eher spüren als wirklich beschreiben lässt…

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Bildmaterial: Thomas Jacob, 2005; von mir seit 2005 gemeinfrei erklärt.