[Wetter] [Hühnerhaltung]
Dieser Text ist eine Recherche – aber keine trockene. Denn wer Hühner hält, weiß: Es geht nicht nur um Zahlen, Grade und Grenzwerte. Es geht um Lebewesen, um Rhythmus, um Atem, um das feine Gleichgewicht zwischen Schutz und Freiheit.
Der häufig zitierte Satz, man müsse Hühnerställe in Deutschland und Mitteleuropa nicht beheizen, ist im Kern richtig. Doch wie so oft gilt: Die Wahrheit liegt nicht im Satz, sondern in seinen Bedingungen. Und genau dort beginnt das berühmte „Ja, aber“.
Von der Kälte, die nicht weh tut
Wer tiefer recherchiert, landet erstaunlich schnell im Norden: Norwegen, Schweden, Kanada. Länder, in denen der Winter nicht zögert, sondern bleibt. Dort findet sich – quer durch Fachliteratur und Praxisberichte – eine Beobachtung, die zunächst fast tröstlich wirkt:
- Hühner vertragen trockene Kälte erstaunlich gut. –10 °C im windgeschützten, trockenen Stall belasten sie oft weniger als +3 °C bei feuchter Einstreu und Zugluft.
- Kälte also, die klar ist. Kälte, die trocken bleibt. Sie scheint den Hühnern weniger fremd zu sein, als wir Menschen es oft vermuten, obwohl das Ur-Huhn aus den Tropen stammt.
Vertieft man diese Quellen, wird das Bild schärfer:
Gesunde Hühner mit dichtem, intaktem Gefieder überstehen trockene Kälte häufig bis weit unter –10 °C, teils sogar bis –20 °C. Erfrierungen an Kamm und Kehllappen entstehen nicht allein durch tiefe Temperaturen, sondern fast immer durch die Verbindung von Kälte und Feuchtigkeit.
Es ist die feuchte Kälte, die beißt. Schon bei –5 bis –10 °C kann sie Spuren hinterlassen: dunkle Spitzen, Verfärbungen, kleine stille Verletzungen. In trockener Luft hingegen bleiben selbst tiefere Temperaturen oft folgenlos.
Die unsichtbare Größe: Luft
Entscheidend ist dabei ein Wert, den man nicht sieht, aber spürt: die relative Luftfeuchtigkeit. Sie sollte im Stall unter etwa 70 %, besser im Bereich von 50 bis 60 %, liegen. Ein kleines Hygrometer genügt – und öffnet doch ein großes Fenster zur Stallrealität.
Ebenso wichtig ist Ruhe in der Luft. Frische ja, Zugluft nein. Gerade im Winter entscheidet nicht die Menge der Luft, sondern ihre Bewegung.
Mitteleuropäische Winter – ein anderes Wesen
Hier, in Mitteleuropa, ist der Winter selten eindeutig. Er schwankt, taut an, friert wieder. Feuchte Luft steht oft schwer zwischen Boden und Dach. Temperaturen kreisen um den Nullpunkt, ohne sich festzulegen.
Diese Unentschiedenheit ist für Hühner anstrengender als klarer Frost. Was im Norden funktioniert, gerät hier schnell aus dem Gleichgewicht, wenn nur ein Baustein fehlt.
Was es braucht, damit Kälte harmlos bleibt
Ein unbeheizter Winterstall funktioniert nicht automatisch. Er funktioniert nur dann, wenn mehrere Dinge zusammenkommen – wie Zahnräder, die ineinandergreifen:
- Trockenes Stallklima
Nicht das Wetter draußen zählt, sondern das Klima drinnen. Feuchtigkeit muss gehen dürfen, bevor sie sich als Nässe festsetzt. - Stall in optimalen Proportionen
Zu klein – und er wird feucht. Zu groß – und er verliert seine Wärme. Der richtige Stall lässt sich lüften, kurz und entschieden, ohne dass es zieht. - Gesunde, gut befiederte Hühner
Ein dichtes Gefieder ist ein Wunderwerk. Es schützt besser als jede Technik – vorausgesetzt, das Tier ist gesund und kräftig. - Fütterung mit Bedacht
Was hineingeht, kommt auch wieder heraus. Durchfallerkrankungen (Diarrhöen) machen aus trockener Kälte nasse Gefahr. Eine ruhige Verdauung ist Wintervorsorge. - Einstreu, die trocken bleibt
Gute Einstreu bindet Feuchtigkeit, ohne selbst nass zu werden (z.B. Holzspäne). Sie ist Fundament und Puffer zugleich – und verlangt regelmäßige Pflege.
Zu 5. Hygrometer und Lüfter: In Norwegen/Schweden nutzen viele Hygrometer (Luftfeuchtigkeit unter 60 % halten) und damit in Verbindung einfache Stall-Lüfter mit Thermostat (z. B. von Munters, aber für Hobby: günstige USB-Modelle).
Für Empfehlenswert halte ich ein analoges Hygrometer, abgeboten von verschiedenen Firmen oft sogar als „analoges Thermo-Hygrometer“
Ammoniak – der stille Gegenspieler
Wo Feuchtigkeit bleibt, entsteht ein Gas, das man oft zu spät bemerkt: Ammoniak.
Es entsteht bei der Zersetzung von Harnstoff im Kot, besonders dort, wo es feucht und schlecht belüftet ist. Schon 20–25 ppm reizen Augen und Atemwege der Hühner, schwächen sie und öffnen Krankheiten die Tür. Ab etwa 50 ppm drohen ernsthafte Schäden (1ppm= 0,0001 %).
Orientierungswerte sind klar:
- unter 20 ppm: gerade noch akzeptabel
- unter 10 ppm: deutlich besser
Tückisch ist: Menschen riechen Ammoniak meist erst bei 20–30 ppm. Hühner leiden also oft schon, während wir noch nichts wahrnehmen.
Wenn das Klima die Stimmung verändert
Dauerhafte Belastung durch Ammoniak bleibt nicht folgenlos. Atemwege werden empfindlich, das Immunsystem müde. Auch das Verhalten verändert sich. Federpicken, Unruhe, im Extremfall Kannibalismus können begünstigt werden – besonders dann, wenn Kälte, Feuchtigkeit und Stress zusammenkommen.
Schlussgedanke
„Hühner brauchen im Winter keine Heizung“ – dieser Satz stimmt. Aber nur dann, wenn der Stall trocken atmen kann, die Luft sauber bleibt und die Tiere gesund sind.
Kälte allein ist selten das Problem. Feuchtigkeit fast immer.
Wer das versteht, schützt nicht nur seine Hühner – sondern lernt, den Winter mit anderen Augen zu sehen.
Quellen
- Ein Beitrag aus Kanada: How Cold Is Too Cold For Chickens In Canada, 16.2.2022
- Forum (englisch) Erster Winter mit Hühnern, sollte ich zusätzlich heizen? (Alaska, USA)
- Forum (deutsch) Probleme bei Kälte mit den Kämmen der Hühner
- Alaska. Extreme Kälte: https://www.simplelivingalaska.com/post/ keeping-chickens-in-winter