Buchtipp zum Verschenken: Das Peter-Prinzip – Warum Hierarchien fast zwangsläufig scheitern

Taschenbuch Das Peter-Prinzip

Bild: Meine Auflage

Das Buch ist als Nachdruck erhältlich und gebraucht oft für wenige Euro zu finden: Die Unfähigkeitsauslese in Gesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Lies bis zum Schluss!

Das ideale Geschenk für Menschen mit Sinn für Ironie und der Neigung Fragen zu stellen

Wer ein kleines Mitbringsel sucht, das geistreich, unterhaltsam und zugleich von erstaunlicher analytischer Schärfe ist, landet beinahe zwangsläufig bei dem schmalen, aber bemerkenswert gehaltvollen Klassiker „Das Peter-Prinzip“ von Laurence J. Peter und Raymond Hull [1].

Erschienen im Jahr 1969, wirkt es heute fast aktueller als damals. Mit seinen rund 170 Seiten bleibt es handlich genug für den Nachttisch oder die Bahnfahrt. Gleichzeitig entfaltet es eine eigentümliche Wirkung: Nach der Lektüre betrachtet man Behörden, Unternehmen, Ministerien und selbst Vereinssitzungen mit dauerhaft verändertem Blick.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass das Werk ursprünglich als bissig-scharfe Satire konzipiert wurde – auch wenn sich die darin beschriebene Dynamik im realen Berufsleben allzu oft als bitterer Ernst erweist.

 


Die Geburt der „Hierarchiologie“

Das Buch errichtet zunächst aus satirischer Absicht eine pseudowissenschaftliche Disziplin namens Hierarchiologie.

Hinter diesem humoristischen Kunstgriff verbirgt sich jedoch eine These von verblüffender innerer Logik:

In einer beruflichen oder vergleichbaren Hierarchie neigt jeder Beteiligte dazu, bis zu seiner persönlichen Stufe der Inkompetenz aufzusteigen.

Die Autoren behandeln dieses Aufsteigen bis zur eigenen Grenze der Leistungsfähigkeit mit der Selbstverständlichkeit eines naturwissenschaftlichen Gesetzes. Fast wirkt es, als hätten sie eine neue Form der Schwerkraft entdeckt.

Das Buch beschäftigt sich folglich mit den großen Fragen des hierarchischen Lebens:

  • Wie steigt man auf?
  • Warum wird man irgendwann unfähig?
  • Wie versuchen Organisationen, dieses Problem zu kaschieren?
  • Und wie schützt man sich notfalls durch „kreative Unfähigkeit“ davor, überhaupt befördert zu werden?

Besonders legendär sind dabei die Schilderungen organisatorischer Ausweichmanöver. Dazu gehört etwa das sogenannte „Wegloben“ oder die von Peter und Hull liebevoll verspottete Laterale Arabeske – die Kunst, jemanden nicht nach oben, sondern seitwärts aus dem Problemfeld zu verschieben.

 

Satirebild eines Managers
Geschafft. Ich bin ganz oben…

Warum man das Büchlein förmlich verschlingt

Das Verstörende an der Theorie liegt nicht in ihrer Bosheit, sondern in ihrer Plausibilität [2].

Peter und Hull erläutern ihre Beobachtungen anhand zahlloser erhellender und amüsanter Beispiele. Eigentlich bräuchte es diese Beispiele kaum, denn beim Lesen setzt augenblicklich ein mächtiger Wiedererkennungseffekt ein. Kaum ist eine Situation beschrieben, erinnert sich der Leser an eigene Erfahrungen aus Beruf, Verwaltung, Politik oder Vereinsleben.

Man erkennt Personen wieder. Man erkennt Verhaltensmuster wieder. Man erkennt sogar die kleinen Eigenheiten und Macken jener Menschen wieder, die ihre persönliche Stufe der Unfähigkeit bereits erreicht haben.

Besonders bemerkenswert ist dabei, wie präzise viele dieser Beschreibungen wirken. Oft glaubt man, die Autoren müssten Kollegen, Vorgesetzte oder Funktionsträger aus dem eigenen Umfeld gekannt haben.

Gerade auf diesem Wiedererkennungseffekt beruht ein erheblicher Teil der Wirkung des Buches. Der Leser schwankt ständig zwischen zwei Deutungen. Liest er eine brillante Satire? Oder hält er gerade ein soziologisches Grundlagenwerk in den Händen?

Die Antwort lautet: beides.

Satire als trojanisches Pferd

Laurence J. Peter war keineswegs bloß ein humorvoller Spötter. Er war Bildungs- und Organisationswissenschaftler und nahm seine Beobachtungen sehr ernst.

Seine zentrale Erkenntnis lautete, dass Menschen in Hierarchien häufig so lange befördert werden, bis sie eine Position erreichen, deren Anforderungen ihre Fähigkeiten übersteigen. Was als Belohnung für vergangene Leistungen beginnt, endet nicht selten in organisatorischer Fehlbesetzung.

Da trockene Fachliteratur damals nur einen begrenzten Leserkreis erreichte, nutzte Peter gemeinsam mit dem Journalisten Raymond Hull die Satire als trojanisches Pferd. Sie erfanden absurde Fachbegriffe, überspitzten Beispiele bis an die Grenze des Grotesken und machten gerade dadurch die Absurditäten realer Organisationen sichtbar.

Der vielleicht stärkste Beleg für die Tragfähigkeit der Grundidee folgte Jahrzehnte später. Ökonomen, Mathematiker und Physiker überprüften das Peter-Prinzip anhand von Modellen und realen Unternehmensdaten. Das Ergebnis fiel bemerkenswert aus: Die beschriebenen Mechanismen lassen sich tatsächlich nachweisen.

Die Autoren hatten also nicht einfach eine gute Satire geschrieben. Sie hatten eine reale Dynamik erkannt – und sie mit einem Augenzwinkern formuliert.

Ein merkwürdiges Ende

Kehrt man nach all den Beobachtungen, Beispielen und Erkenntnissen zur eigentlichen Lektüre zurück, bleibt jedoch eine kleine Irritation zurück: Das Buch endet überraschend abrupt.

Nach rund 170 Seiten voller Fallstudien, Begriffe und scheinbar unwiderlegbarer Beweisführungen bricht die Darstellung beinahe unvermittelt ab. Der Leser bleibt für einen Moment ratlos zurück und erwartet fast noch ein abschließendes Kapitel, das die große Lösung präsentiert.

Doch vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Konsequenz des Peter-Prinzips.

Denn die Autoren beschreiben keinen einzelnen Missstand, der sich durch eine Reform beseitigen ließe. Sie beschreiben einen Mechanismus, der tief im Wesen hierarchischer Systeme selbst verankert ist. Wer gute Arbeit leistet, wird befördert. Wer auf der nächsten Stufe wiederum gute Arbeit leistet, wird erneut befördert. Irgendwann erreicht fast jeder jene Position, deren Anforderungen seine Fähigkeiten übersteigen.

Schlussbemerkung mit Blick auf die aktuelle Zeitgeschichte

Interessant ist, dass die Autoren auch kurz darauf eingehen, ob ihre entdeckten Prinzipien den Niedergang ganzer Staaten und Zivilisationen erklären können – und sie bejahen es. An dieser Stelle sei auch auf meine Rezension zu Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ (1918) hingewiesen, dem geschichtsphilosophischen Klassiker zu diesem Thema.

 

Skizze Pyramidenstruktur

Was mich nach der Lektüre mehr und mehr nachdenklich stimmt, ist die Frage, ob eine klassische „Parteien-Demokratie“ [3] am Ende nicht zwangsläufig eine Art „Unfähigkeitsauslese“ begünstigt. Wenn politische Führer fast ausnahmslos sämtliche Stufen der Parteihierarchien durchlaufen müssen, stellt sich die Frage, welche Qualitäten auf diesem Weg tatsächlich selektiert werden – und welche verheerenden Auswirkungen dies in letzter Konsequenz auf Wirtschaft und Gesellschaft hat.

Gleichermaßen blicke ich dann jedoch auf die jahrtausendelang währenden Pharaonen-Dynastien der alten Ägypter samt ihrer politischen Organisation und Verwaltung. Man muss sich unweigerlich fragen, wie diese Systeme im Kern organisiert waren, dass sie über so immense Zeiträume hinweg Bestand haben konnten. Doch gleichgültig, wie kunstvoll das Fundament einer Pyramide oder das Regelwerk eines Staates auch gefügt sein mag. Doch am Ende gilt:

Keine Institution ist weiser als die Menschen, die sie verwalten. Wer sich völlig im Getriebe einer Hierarchie verliert, büßt genau die Unabhängigkeit und Bodenhaftung ein, die einen aufrechten Charakter ausmachen – und stellt am Ende fest, ein Leben gelebt zu haben, das bloß den Erwartungen anderer entsprach.

Literatur und Ergänzungen

[1] Meine verwendete Auflage: Laurence J. Peter & Raymond Hull; Das Peterprinzip · oder Die Hierarchie der Unfähigen; Hamburg 1989
Weniger bekannt, aber für die systemische Diagnose fast noch pikanter, ist das offizielle Nachfolge-Buch „Das Peter-Prinzip in der Praxis“ (Original: The Peter Prescription, 1972). Nachdem das Erstlingswerk legte Peter hier nach. Während das erste Buch die bittere Diagnose stellte, lieferte der Nachfolger die „Rezepte“ – eine herrlich satirische Anleitung dazu, wie der Einzelne seine eigene Beförderung auf die Stufe der Unfähigkeit durch bewusst vorgetäuschte, harmlose Inkompetenz („Kreative Inkompetenz“) aktiv verhindern kann, um glücklich und produktiv zu bleiben. Das Buch erlange im englischen Sparachaum einen weiteren kommerziellen Erfolg. Hier ist es offensichtlich unbekannt geblieben.

[2] J. Peter war nicht der Erste, der diese Prinzipien erkannte, doch hat er sie genial mit Beispielen hinterlegt publik gemacht, was vor ihm wohl nicht einmal dem Gottvater der Soziologie gelang: Schon Max Weber (1864–1920) beschrieb die „Eigendynamik von Bürokratien“ in dem er feststellete, dass Hierarchien [in Politik, Verwaltung und Wirtschaft] von Natur aus dazu neigen, sich selbst zu erhalten, zu vergrößern und zu schützen!wikipedia.org/…Max_Weber

[3] Präzise betrachtet ist die Bundesrepublik Deutschland vor allem eine Republik, die durch feste rechtsstaatliche Institutionen gesichert sein sollte und in der Parteien in demokratischen Prozessen eigentlich keine dominierende Position einnehmen durften. Relativ unbekannt ist, dass im ursprünglichen Grundgesetz von 1949 der Artikel 21 Absatz 1 den Parteien – dem Buchstaben des Gesetzes folgend – lediglich die Rolle von „Mitwirkenden“ zuschrieb: „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen.“

Wie aus dem „Mitwirken“ ein „Beherrschen“ wurde und sich die BRD schleichend in den heutigen, tief durchdringenden „Parteienstaat“ verwandelte, passierte erst nach 1949 durch zwei wesentliche Entwicklungen:

Das Parteiengesetz von 1967 (Die Zäsur): Fast 20 Jahre lang gab es gar kein konkretes Gesetz, das die Parteien regulierte. Erst mit dem Parteiengesetz (PartG) zementierten die Parteien ihre Macht, regelten ihre staatliche Finanzierung aus Steuergeldern und bauten ihren bürokratischen Apparat so massiv aus, dass sie die politische Landschaft monopolisierten.

Verfassungswandel Satire-Bild Monopoly
Verfassungswandel: Satire-Bild von Gemini-KI zum Text entworfen und generiert, 7.6.2026

Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts: Das Gericht in Karlsruhe prägte später den Begriff, dass die Parteien zu „Verfassungsorganen“ hochgewachsen seien. Aus dem ursprünglichen Auftrag zur Mitwirkung machten die Parteien in der Praxis ein Monopol zur politischen Willensbildung.

Dass sich die Realität so radikal verändert hat, obwohl der Verfassungstext gleich blieb, nennen Juristen einen „Verfassungswandel“. Übrigens: Dieser Themenkomplex eignet sich hervorragend, um sich darüber mit einer KI (in diesem Fall Gemini) zu unterhalten und die Frage zu stellen, ob das nicht vergleichsweise eine Art „stiller Putsch“ oder ein „kalter Verfassungsumbruch“ war.

(Oh weh … und das alles nach den Prinzipien von Laurence J. Peter … Wir werden alle zugrunde gehen! Eine Bemerkung, die natürlich reine Satire ist. Oder ist sie am Ende doch wahr?)

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