Reformgartenbau – Die Wiederentdeckung des kulturellen Gartengedankens

Impressionismus Ölbild . Im Garten von Pontoise

Bild: C. Pissarro – Im Garten von Pontoise (1881). Camille Pissarro – der Maler des einfachen, kultivierten Landlebens jener Jahre, als der Gartenbau noch Handwerk und Kultur zugleich bedeutete.

[Reformgartenbau]

Die Alternative zur Alternative. Ein kulturhistorischer Essay über eine vergessene Kultur und Denkweise im Gartenbau.

Anlternatives Gärtnern?

Eines meiner besonderen Anliegen ist es seit nunmehr über zehn Jahren, im Umfeld der verschiedenen sogenannten alternativen Gartenbautechnologien etwas System und Ordnung hineinzubringen.
Denn in den letzten Jahrzehnten – etwa seit den 1980er Jahren, also der Zeit meiner Gartenbaulehre in Dresden – hat sich in diesem Bereich einiges an Verwirrung und Durcheinander entwickelt: ein Nebeneinander von Ideen, Konzepten und Weltbildern, das zwar Vielfalt zeigt, aber oft an Klarheit fehlt.

Wenn wir heute nach echten Alternativen zum industriellen, agrochemisch geprägten Gartenbau suchen, erscheint es mir deshalb angebracht, einige Schritte zurückzugehen – zurück an den Punkt, an dem dieses Verwirrspiel begann.

Und genau das verstehe ich unter Reformgartenbau.

5 Menschen sammeln Äpfel auf
Apfelernte, 1888

Was Reformgartenbau bedeutet

Der Begriff Reformgartenbau klingt zunächst, als ginge es um etwas Neues.

In Wahrheit meine ich jedoch das Gegenteil: eine Rückkehr zu einer alten, bewährten Form des Gartenbaus – zu jener Zeit, als man mit einfachen Mitteln, aber großem Wissen und Geschick arbeitete.

Gemeint ist die Epoche um 1880 bis 1900, also die Jahre, bevor die Agrochemie den Gartenbau grundlegend veränderte. Damals gab es weder synthetische Dünger noch chemische Pflanzenschutzmittel, und doch waren die Erträge erstaunlich hoch.

Die Gärtner jener Zeit verstanden ihren Boden. Sie kannten die Eigenarten der Pflanzen und wussten, wie man mit natürlichen Ressourcen wirtschaftet, ohne sie zu erschöpfen. Es war eine Kultur des Bodens – kein technischer Prozess, keine Industrieproduktion, sondern gelebte Erfahrung und Handwerk.

 


Die vergessene Blüte des Gartenbaus

Wer alte Gartenbücher aus jener Zeit aufschlägt, findet darin eine Welt hochentwickelter Praktiken. Die Tiefbeetkultur etwa erlaubte, auf kleiner Fläche große Mengen Gemüse zu erzeugen, weil die Böden tief gelockert und gut mit organischer Substanz versorgt waren.
Fruchtfolgen wurden mit Umsicht geplant, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Kompost, Tierdung und Gründüngung dienten als natürliche Dünger, die nicht nur Nährstoffe lieferten, sondern das Bodenleben förderten.

Es war ein durchdachtes, nachhaltiges System – nicht, weil man es so nennen wollte, sondern weil es aus Erfahrung gewachsen war. Diese Gärtner hatten keine Ideologie, sie hatten Handwerk und Wissen. Und das funktionierte: hohe Erträge, gesunde Pflanzen, gute Lagerfähigkeit, geschmackvolles Gemüse.

Der Bruch: Als die Agrochemie kam

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kam der große Umbruch. Chemische Düngemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel und neue Sorten versprachen Effizienz und Ertragssicherheit. Die Arbeit im Garten wurde technischer, planbarer – und entkoppelte sich vom Bodenverständnis.

Was zunächst als Fortschritt gefeiert wurde, führte in Wahrheit zu einem Verlust an Erfahrung. Der Boden wurde zu einem Trägerstoff für Dünger, nicht mehr als ein lebendiges System. Die Landwirtschaft und der Erwerbsgartenbau entfernten sich von ihren Wurzeln – vom Begriff der „Kultur“ im eigentlichen Sinn: der Pflege des Lebendigen.

 

Camille Pissarro die Fabrik in Pontoise
Die Fabrik in Pontoise, 1873

Die Gegenbewegung – und ihre Grenzen

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reagierten viele Menschen mit Gegenbewegungen: Biogartenbau, Demeter, Permakultur. Sie alle wollten zurück zur Natur.

Doch auch diese Richtungen blieben nicht frei von Ideologie. Vieles blieb theoretisch oder wurde im Kleingarten praktiziert, aber nicht in größerem Maßstab.

Permakultur etwa ist ein faszinierendes Konzept, doch wirtschaftlich kaum tragfähig, wenn sie ohne industrielle Zufuhr von Kompost oder Material auskommt. In der Praxis bedeutet „Permakultur“ heute meist, dass jedes Jahr große Mengen Kompost aus Großanlagen aufgebracht werden – also ein System, das selbst wieder von der Industrie abhängt.

Man könnte also fragen: Warum suchen wir immer neue Alternativen, wenn wir ein funktionierendes System schon hatten? Warum nicht dort anknüpfen, wo um 1900 aufgehört wurde?

Reform statt Ideologie

Ein echter Reformgartenbau im ursprünglichen Sinn wäre keine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern eine Wiederaufnahme alter Prinzipien mit den Mitteln der Gegenwart.

Das bedeutet: Bodenbearbeitung, wo sie sinnvoll ist – etwa das klassische Umgraben und Belüften der Erde oder die Tiefbeetkultur – ergänzt durch moderne Technik wie Tröpfchenbewässerung, feine Feuchtigkeitssteuerung oder Wetterdaten-Nutzung. Auch der Folietunnel gehört bei mir zu den nützlichen Erfindungen heutiger Tage dazu.

Es geht also nicht darum, alte Methoden romantisch zu verklären, sondern sie als Basis eines vernünftigen, autonomen Gartenbaus zu verstehen. Ein Gartenbau, der weder von Kunstdünger noch von Kompostieranlagen abhängig ist, sondern auf eigener Bodenpflege beruht.

So ließe sich das, was vor 150 Jahren selbstverständlich war, mit heutigen Mitteln verfeinern: ein Gärtnern, das wirtschaftlich, produktiv und ökologisch zugleich ist – und wieder zu einer echten Kulturleistung wird.

Die Reform beginnt im eigenen Garten

Das Wort „Reform“ bedeutet wörtlich: Rückgestaltung. Nicht Erneuerung um jeden Preis, sondern Wiederherstellung eines besseren Zustands.

Vielleicht ist genau das heute nötig. Wer gärtnert, kann an das Wissen von damals anknüpfen – an jene Generation von Gärtnern, die Bodenpflege, Pflanzenkenntnis und praktische Erfahrung verbanden.
Sie arbeiteten ohne Schlagworte, aber mit Verstand.

Der Reformgartenbau, wie ich ihn verstehe, wäre also kein Schritt zurück, sondern ein Schritt nach vorn – zurück zu echter Kultur im Gartenbau, zu einer Bodenpflege, die wieder Handwerk, Erfahrung und Maß kennt. Kurz gesagt: Fertigkeiten und nützliches Wissen wirkungsvoll in Anwendung gebracht.

 


Camille Pissarro

Bebilderung: Camille Pissarro (1830–1903) wurde auf den Antillen geboren, lebte und arbeitete später in Frankreich und gilt als einer der Väter des Impressionismus. Zeit seines Lebens blieb er dem einfachen Landleben verbunden. In seinen Bildern, besonders in den Ansichten von Pontoise, spiegelt sich eine stille Wertschätzung für Arbeit, Natur und Alltag – jene Haltung, die auch im Reformgartenbau wieder aufscheinen könnte.

Vielleicht sollten wir, inmitten unserer technischen Welt, wieder ein wenig von dieser stillen Kultur des Sehens zurückgewinnen – die Fähigkeit, das Schlichte zu lieben und das Einfache zu pflegen, im Garten wie in der Kunst.

Ölbild Frau am See
Die Badende, 1895

Lies auch: Selbstversorgung oder Hobbygarten? – Warum wir endlich klar unterscheiden müssen

Thomas Jacob · Erstveröffentlichung: 25.10.2025 · Durchgesehen: 26.10.2025

Bildmaterial gemeinfrei auf: https://commons.wikimedia.org/

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