Bild: Ein modernes Häusler-Idyll. Und die Frage: „Wieviel Waus braucht ein Mensch?“
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Mit der Zeit habe ich gemerkt: Die Frage, wie ich meinen Haus- oder Kleingarten nutze, ist keine Kleinigkeit. Der eine baut das an, was er sonst im Supermarkt kauft. Der andere will mit seinen 100 oder 200 Quadratmetern die Welt retten.
Und ich? Ich wollte vor allem autark sein.
Das ist ja gerade das Besondere am eigenen Garten – selbst wenn es nur ein Balkon oder ein Fensterbrett ist. Man hat endlich einen Raum, in dem man tun kann, was man für richtig hält.
Und ich meine das ernst: Wer will, soll dort das Klima retten, biodivers wirtschaften, Rohkost anbauen oder irgendeiner Ideologie folgen.
Autarkie – aber bitte mit Verstand
Ich selbst bin gerade dabei, meine „Ideologie“ zu sortieren. Lange kam ich – ich gebe es zu – aus der Prepper-Ecke. Möglichst alles selbst machen. Vom Saatgut bis zur Ernte. Unabhängig sein.
Aber inzwischen rückt etwas anderes stärker in den Vordergrund: Rentabilität.
Denn ganz nüchtern betrachtet ist der in unserer Gesellschaft am unabhängigsten, der am wenigsten Geld braucht. Gleichzeitig ist es eine Illusion zu glauben, man könne völlig ohne Geld leben. Also bleibt nur eins: die eigene Arbeitskraft so einsetzen, dass man dem „Ausbeutungssystem Geld“ – ja, das Wort darf ruhig stören – so wenig wie möglich ausgesetzt ist.
Und genau hier liegt der Denkfehler vieler Selbstversorger: Alles selbst herstellen zu wollen. Das klingt gut. Rechnet sich aber selten. Autarkie heißt nicht, jede Kartoffel um jeden Preis selbst zu ziehen.
Der klare Schnitt im Nutzgarten
Für meinen Garten bedeutet das: Ich ziehe eine Linie.
Feldkulturen – egal ob bio oder konventionell – sind oft günstiger zu kaufen, als sie auf kleiner Fläche selbst anzubauen. Natürlich spielen Boden, Licht und Mikroklima eine Rolle. Aber grundsätzlich gilt: Nicht alles, was man anbauen kann, sollte man auch anbauen.
Wir kaufen inzwischen Zwiebeln, Möhren, Weiß- und Rotkohl, Trockenbohnen und Kartoffeln zu. Im Garten konzentrieren wir uns auf das, was wirklich zählt: Frisches, Hochwertiges, das im Laden selten die gleiche Qualität hat. Edelgemüse. Spargel. Salate. Grüne Bohnen. Knoblauchblüten. Erntefrische Kürbisse. Zucchini. Tomaten. Paprika. Auberginen.
Dazu kommt – am Rande – unser Weg in Richtung einer eher ketogenen Ernährung. Aber das ist ein eigenes Thema.

Der Turbo: Hühner
Wenn es um Effizienz und Autarkie geht, dann ist ein gut geplanter Garten zusammen mit einer wirtschaftlich geführten Hühnerhaltung tatsächlich ein Turbo.
Zwanzig oder dreißig Legehennen können durch den Eierverkauf ihr Futter und das nötige Equipment finanzieren. Wenn sauber gewirtschaftet wird, bleibt sogar etwas übrig; und das neben Bio-Eiern und guten Suppenhühnern.
Und Hühner liefern mehr als Eier und Fleisch. Der Mist ist ein erstklassiger Dünger. Selbst die Federn haben ihren Wert.
Ein Teil unseres ehemaligen Brachlandes ist heute ein „Kaminholzwäldchen“ mit Robinien und Nussbäumen – zugleich Auslauf für die Hennen. Der Holzzuwachs dadurch ist duchaus spürbar und unsere Bienen finden in den Baumblüten ihren Akazienhonig. Hier greifen Dinge ineinander. Das ist kein Hobby mehr. Das ist System.

Die stille Verschwendung
Rentabilität entscheidet sich aber nicht nur im Beet, sondern in der Küche.
Man spricht gern von Lebensmittelverschwendung im Handel. Im Kleingarten sieht es nicht viel besser aus. Überproduktion. Überständige Ernte. Falsche Planung. Frost. Pilzkrankheiten. Insekten.
Und dann stehen wir bis Mitternacht da und kochen ein, was eigentlich gar nicht in diesen Mengen hätte wachsen müssen. Oder wir kaufen einen zweiten Gefrierschrank, weil es einfacher ist, alles einzufrieren, statt vorher sauber zu planen. Der Gefrierschrank wird zum kühlen Ort des schlechten Gewissens.
Saison statt Illusion
Wir sind hier weitergekommen. Wir bauen zunehmend Kulturen an, die wir fast ganzjährig frisch ernten können – auch im Winter. Das bedeutet: echte Saisonalität. Nicht alles ist jederzeit da.
Fehlt einmal etwas, wird es eben gekauft. Notfalls im Supermarkt. Nach allem, was wir selbst erzeugen, bringt uns das nicht aus der Bahn.

Die Rechnung am Monatsende
Und am Monatsende – besser noch am Jahresende – zeigt sich, ob das alles nur Ideologie ist oder ein tragfähiges Konzept.
Häuslerwirtschaft
Ich spanne den Bogen bewusst weiter. Deshalb spreche ich nicht mehr so gern von „Selbstversorgung“ oder vom „Selbstversorgergarten“, sondern vom alten Begriff des Häuslers und der Häuslerwirtschaft. Das war im Grunde ein Miniaturbauernhof: Ein Haus, etwas Land, ein Stall, ein Nutzgarten* Mann, Frau, Familie bewirtschafteten das Ganze – und gingen daneben meist noch einer selbständigen Tätigkeit oder freier Lohnarbeit nach.
*(Heute kann es duchaus auch die Mietwohnung, ein nahe gelegener Kleingarten und ein modifiziertes Konzept sein.)
Genau dieses Modell ist für mich heute das erstrebenswerte Äquivalent.
Gesamtschau
Denn in einem solchen Konzept muss alles in einer Gesamtschau betrachtet werden. Auch die eigene Arbeitskraft hat einen Wert. Und dann stellt sich ganz nüchtern die Frage: Ist es klug, zwei Tage lang eine Massenproduktion grüner Bohnen in Gläser einzumachen? Oder wäre es unter Umständen sinnvoller, sich zwei Tage als Subunternehmer bei einer Hausmeisterfirma einzuklinken und für gutes Geld Rasen zu mähen?
In ein solches Gesamtkonzept gehört der Nutzgarten ebenso hinein wie die eigene Erwerbsarbeit. Beides greift ineinander.
Das ist für mich heute Autarkie.
Keine romantische Totalunabhängigkeit.
Sondern eine klare, nüchterne Reduzierung von Abhängigkeit.
Natürlich bleibt der Blick auf das Geld dabei ambivalent. Denn eines ist klar:
Geld ist kein Naturgesetz, sondern eine zivilisatorische Konstruktion.
Es organisiert Tausch – aber es erzeugt auch Raub und Abhängigkeit.
Und trotzdem gilt ebenso:
Nicht wer alles selbst macht, ist frei – sondern wer rechnen kann.
Freiheit entsteht in der ungeschönten Jahresbilanz.
