➡️ Im Kalender ist die Antwort scheinbar einfach: Phänologisch beginnt der Spätsommer meist Mitte August, wenn die Früchte reifen und die Getreideernte ihren Höhepunkt erreicht. Doch wer sich nicht an festen Terminen orientiert, sondern die Natur aufmerksam beobachtet, entdeckt andere Zeichen. Sie stehen in keinem Kalender. Man muss sie nur wahrnehmen.
Für mich beginnt der Spätsommer mit den ersten echten Tau-Nächten. Und die erleben wir gewöhnlich Anfang September.
Der Morgentau
Noch brennt die Sonne tagsüber heiß. Die Nachmittage fühlen sich vollkommen nach Hochsommer an, und das Grün der Bäume steht scheinbar unverändert. Doch wer früh morgens nach draußen tritt, merkt sofort: Etwas hat sich verändert.
Die Gräser und Blätter sind nass, als hätte es in der Nacht geregnet. In den Spinnweben zwischen den Halmen hängen glitzernde Perlenschnüre. Und die Luft fühlt sich anders an – kühler, feuchter, erdiger.
Es ist nur Tau. Aber er erzählt vom Jahreslauf.
Denn der Tau entsteht nicht zufällig. Die Nächte werden länger, die Oberflächen von Gras und Blättern kühlen stärker aus. Irgendwann wird der Taupunkt unterschritten: Der Wasserdampf der Luft kondensiert und wird zu den kleinen Tropfen, die wir am Morgen sehen.
Damit wird der Morgentau zu einem kleinen physikalischen Protokoll des Jahres. Der Tag kann noch ganz Sommer sein, während die Nacht bereits den kommenden Herbst ankündigt.
Was sich jetzt im Garten verändert
Mit diesen ersten kühlen, feuchten Nächten verändert sich auch die Stimmung im Garten. Der Sommer verliert nicht plötzlich seine Wärme, aber sein Wachstum beginnt sich in Reife zu verwandeln.
Äpfel, Birnen, Pflaumen und Beeren nähern sich ihrer Ernte. Das üppige Längenwachstum tritt zurück. Die Pflanzen beginnen, ihre in den vergangenen Monaten aufgebaute Substanz zu vollenden.
Auch im Wald verändert sich etwas. Warme Böden und feuchte Nächte schaffen Bedingungen, unter denen sich das Pilzleben bemerkbar macht. Überall beginnt der Übergang von der Zeit des Wachsens zu jener des Reifens.
Und gerade deshalb ist der Spätsommer eine merkwürdige Zwischenzeit. Er sieht am Tag noch aus wie Sommer und fühlt sich am Morgen schon ein wenig nach Herbst an.
Eine Einladung zum Hinsehen
Der Übergang vom Hochsommer zum Spätsommer vollzieht sich oft unbemerkt. Er braucht keine Kalenderdaten und keine großen Temperatursprünge.
Manchmal genügt ein Schritt ins nasse Gras.
Wenn du das nächste Mal am frühen Morgen die kühlen Wassertropfen an deinen Schuhen spürst, weißt du: Der Hochsommer hat sich verabschiedet – der Spätsommer ist da.
Doch Spätsommer heißt noch lange nicht Herbst. Zwischen dem üppigen Hochsommer und dem eigentlichen Herbst liegt eine ganze Reihe von Übergängen, die wir im Alltag leicht übersehen.
Vielleicht kommt der Herbst überhaupt nicht auf einmal. Vielleicht besteht er aus vielen kleinen Nachsommern:
- Spätsommer
- Altweibersommer
- Goldener Oktober
- Martinisommer
Die „Alten“ sahen es jedenfalls so.
Die historische Germanistik und Mediävistik (Mittelalterforschung) belegen, dass in der germanischen und früh-mittelalterlichen Zeitrechnung das Jahr ursprünglich lediglich in drei Hauptjahreszeiten unterteilt wurde: Frühling, Sommer und Winter. Und der Winter begann nach Martini.
Ein eigenständiger Herbst im heutigen Sinne kannten unsere Ahnen nicht; stattdessen galt der Spät- und Nachsommer als ein phasenweises „Verglühen“ und Ausklingen der warmen Jahreszeit, als eine Kette kleiner, fast unmerklicher Naturwechsel.
Versuche sie dir wieder in Erinnerung zu bringen.