Bild: Siedlerhaus in der Westheimsiedlung Regensburg der 1960er Jahre; ©Schmidb.S., 1960
[Häusler] [Beitrag in Erstellung]
Merkwürdige Fragen
„Wieviel Haus braucht ein Mensch?“ — Seit ich vor einigen Monaten über eine Filmdokumentation mit eben diesem bemerkenswerten Titel berichtet habe, lässt mich diese Frage nicht mehr los. Sie besitzt eine eigentümliche Hartnäckigkeit. Einmal gestellt, kehrt sie immer wieder zurück.
Parallel dazu begegnet mir in der Ernährungsdiskussion ein Begriff, der heute fast selbstverständlich verwendet wird: die artgerechte Ernährung.
Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, liegt eine weitere Frage fast von selbst in der Luft:
Was wäre eigentlich artgerechtes oder kulturangemessenes Wohnen?
Man könnte dieser Frage auf vielen Wegen nachgehen – über Architekturtheorien, über Ökologie oder über wirtschaftliche Zwänge.
Ich wähle einen anderen Zugang: die Erinnerung an menschliche Gemeinschaften.
In vielen historischen Kulturen war es selbstverständlich, dass eine neu gegründete Familie Land und ein Haus weithin geschenkt erhielt. Nicht als Luxus, sondern als Grundlage. Als Ausgangspunkt eines selbständigen Lebens.
Die Größe dieser Häuser folgte dabei selten einer Mode oder einem Prestigeanspruch. Vielmehr schien ein stillschweigendes Maß zu gelten:
groß genug, um ein gutes Leben zu ermöglichen,
klein genug, um es selbst erhalten zu können.
Kurzum – was wäre denn nun ein Familienheim, welchen in unserer Kultur einer Familie eigentlich zustehen müsste?
Das vergessene Vorbild
Ein erstaunlich anschauliches Beispiel für diese Haltung findet sich in den Siedlerhäusern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entstanden.
Diese Häuser waren keine Prestigeobjekte. Sie waren funktionale Familienhäuser – einfach gebaut, bezahlbar und auf Erweiterbarkeit angelegt.
Ihre Ideen waren allerdings älter. Sie knüpften an Reformbewegungen an, die schon im späten 19. Jahrhundert entstanden waren: an die Gartenstadtbewegung, an die Siedlungsprogramme der Weimarer Zeit und an das Konzept der sogenannten Reichsheimstätten [1].
Der Gedanke war immer derselbe:
Menschen sollten nicht nur wohnen, sondern einen überschaubaren Lebensraum besitzen, den sie selbst gestalten, nutzen und erhalten konnten.
Haus und Nutzgarten gehörten dabei selbstverständlich zusammen.
Wenn man diese Häuser heute betrachtet, erkennt man, dass sie weniger einer architektonischen Mode folgten als einer einfachen Frage:
Welche Aufgaben muss ein Haus für eine Familie eigentlich erfüllen?
Vielleicht lohnt es sich, diese Frage noch einmal neu zu stellen – doch soll es nun auch nicht zu theoretisch und philosophisch werden. Das Ganze hat ja auch mit Ökonomie und Bausökonomie zu tun.
Fünf einfache Prinzipien
Aus solchen Überlegungen lassen sich einige grundlegende Prinzipien ableiten. Sie beschreiben weniger eine feste Bauform als vielmehr eine Art des Denkens über das Haus.
1. Kompaktheit
Ein Haus muss nicht kompliziert sein.
Ein klarer, rechteckiger Baukörper gehört zu den ältesten und zugleich wirtschaftlichsten Formen des Bauens. Er vermeidet unnötige Brüche und bleibt konstruktiv überschaubar.
Ein ausgebautes Dachgeschoss unter einem einfachen Satteldach nutzt den Raum effizient und schafft zusätzliche Wohnfläche, ohne das Gebäude unnötig zu verbreitern.
Man könnte sagen:
Die Einfachheit der Form ist kein Mangel – sie ist eine Tugend.
2. Robustheit
Ein Haus soll vor allem eines sein: verlässlich.
Massive Bauweise besitzt eine lange Lebensdauer und sorgt durch ihre Wärmespeicherfähigkeit für ein stabiles Raumklima. Solche Häuser funktionieren oft erstaunlich gut, ohne dass sie von komplizierter Technik abhängig sind.
Auch ein Keller gehört in diese Logik. Für eine Familie mit Garten ist er mehr als ein Lagerraum. Er ist gewissermaßen das kühle Magazin des Hauses – ein Ort für Vorräte, Gemüse, Obst und Eingemachtes, zudem ist eine kleine Werkstatt, die auch im Winter etwas Wärme bietet, Gold wert.
Ein Kamin – oder noch bessser ein beheizbarer Küchenofen – kann eine sinnvolle Ergänzung sein. Wenn das Grundstück etwas größer ist, fällt immer Holz an.
3. Die Verbindung zum Garten
Ein Haus, das mit einem Garten verbunden ist, braucht einen praktischen Übergang zwischen draußen und drinnen.
Hier erweist sich eine einfache Idee als erstaunlich sinnvoll: eine Art Schmutzschleuse.
Ein Hauswirtschaftsraum mit direktem Zugang zum Garten bildet diese Übergangszone. Hier können Arbeitskleidung, Werkzeuge oder frisch geerntetes Gemüse zunächst abgelegt und gereinigt werden, bevor sie weiter ins Haus gelangen.
Auch eine überdachte Veranda erfüllt eine ähnliche Rolle. Sie erweitert den Wohnraum in den warmen Monaten nach draußen und schafft zugleich einen geschützten Arbeitsplatz für viele kleine Tätigkeiten des Gartenjahres.
Interessant ist dabei ein weiterer Gedanke:
Wenn sie klug konstruiert wird und im Fundament mit eingebunden ist, kann eine solche Veranda später – ebenso wie das Dachgeschoss – zu zusätzlichem Wohnraum ausgebaut werden. Das Haus bleibt dadurch wandlungsfähig.
5. Eine innere Ordnung
Schließlich organisiert ein Haus auch den Alltag seiner Bewohner.
Im Zentrum steht häufig ein gemeinsamer Raum, in dem gekocht, gegessen und gelebt wird. Eine moderne Form der alten Wohnküche.
Das Dachgeschoss mag audbaufähig konstruiert sein, sodass dort Zimmer im Leichbau geschaffen und später verändert werden können. Ein zusätzlicher Raum im Erdgeschoss kann als Arbeitszimmer dienen, als Gästezimmer – oder irgendwann als Schlafzimmer im Alter.
So wächst das Haus gewissermaßen mit dem Leben seiner Bewohner.
Eine kleine häusliche Lebenszelle
Ein solches Haus will nicht imponieren.
Es ist keine architektonische Geste und kein Statussymbol.
Vielmehr bildet es eine kleine häusliche Wirtschafts- und Lebenszelle – einen Ort, an dem Wohnen, Arbeiten, Lagern und Leben zusammenkommen.
Vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Qualität.
Ein Haus, das nicht größer ist als nötig.
Ein Haus, das sich verändern kann.
Ein Haus, das den Alltag trägt.
Und vielleicht kehren wir damit wieder zu unserer Ausgangsfrage zurück:
Wieviel Haus brauchen wir also? Vielleicht liegt die eigentliche Frage also gar nicht darin, wie groß ein Haus sein sollte.
Vielleicht sollten wir zuerst fragen, welches Leben in ihm stattfinden soll.
Quellen und Erläuterungen
Bildquelle: Siedlerhaus bei Wikimedia
[1] Ein Stück „vergessener“ deutscher Geschichte: Der Begriff der Reichsheimstätte bezeichnet ein sozial- und siedlungspolitisches Konzept, das im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelt wurde. Ziel war es, Familien eine dauerhafte wirtschaftliche Lebensbasis aus Haus und Nutzland zu sichern. Eine Heimstätte sollte nicht lediglich ein frei handelbares Grundstück sein, sondern ein geschützter Ort des Wohnens und der Selbstversorgung.
Die Idee wurde besonders von dem Sozialreformer Adolf Damaschke vertreten und fand mit dem Reichsheimstättengesetz von 1920 eine gesetzliche Grundlage. Heimstätten konnten dabei mit besonderen Schutzbestimmungen versehen werden: Sie sollten möglichst vor spekulativem Verkauf, übermäßiger Verschuldung oder Zwangsversteigerung bewahrt werden. Auf diese Weise wollte man verhindern, dass Familien ihre grundlegende Lebensbasis verlieren. Offensichtlich sah man in der Bundesrepublik Deutschland solcherlei Ideen als Fremdkörper und hob das Reichsheimstättengesetzes in aller Stille mit dem 1. Oktober 1993 auf.