[Rente] [Das Inhortas-Rentenmodell]
Die Meldung des Tages
Heute, am Dienstag, dem 23. Juni 2026 – übrigens mitten während der Fußball-WM – legte die sogenannte Alterssicherungskommission ihre Vorschläge zur Neugestaltung des deutschen Rentensystems vor [1].
„Umfassende Vorschläge“ heißt in diesem Fall: 33 einzelne Maßnahmen, lose nebeneinandergelegt wie die Teile eines Möbelbausatzes ohne Aufbauanleitung. Eine fragmentierte Sammlung von politisch-ideologischen Ideen.
Beinahe hätte ich von Schnapsideen gesprochen. Aber das wäre ungerecht gegenüber dem Schnaps. Sagen wir lieber:
Ich ertrage die Rentendebatte inzwischen nur noch mit einer Mischung aus Satire und Sarkasmus.
Bevor ich die Kernpunkte der Vorschläge unten kurz zusammenfasse, möchte ich meinen ersten Eindruck festhalten. Die ausführlichen Begründungen liefere ich gegebenenfalls später nach.
Mathematik statt politischer Folklore
Ärgerlich ist zunächst, dass die Entwicklung eines tragfähigen Rentensystems im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz noch immer so behandelt wird, als handele es sich um ein politisches Glaubensbekenntnis.
Dabei ist die Grundlage jeder Rentenreform zunächst einmal Mathematik.
Man muss Daten ordnen, Bevölkerungsentwicklungen analysieren, Szenarien berechnen und die Ergebnisse in ein schlüssiges Gesamtkonzept überführen. Genau für solche Aufgaben wurden moderne KI-Systeme praktisch geschaffen.
Nichts daran ist ehrenrührig in diesem Fall mal so ein KI-Modul recherchieren und rechnen zu lassen.
Noch ärgerlicher ist allerdings, dass es längst ausgeklügelte Rentenmodelle gibt, die weltweit als Vorbilder gelten. Das steuerfinanzierte dänische Rentensystem gehört dazu. Ich habe bereits vor einem Jahr darüber geschrieben: „Rente mit 70 in Dänemark – die halbe Wahrheit und das bessere Modell“.
Die Grundstruktur dieses Systems ist mathematisch außerordentlich sauber konstruiert. Erst danach kommen politische und gesellschaftliche Entscheidungen hinzu. Anders gesagt: Zuerst wird gerechnet, dann diskutiert.
Mein Vorschlag an die Leser lautet deshalb: Lass deine bevorzugte KI doch einmal das dänische Modell mit den heutigen Vorschlägen der Rentenkommission vergleichen. Im Vergleichen von Systemen ist sie inzwischen erstaunlich gut. Mitunter sogar besser als manche Kommission.
Das eigentliche Problem
Der eigentliche Skandal liegt für mich jedoch an anderer Stelle.
Mit der Umsetzung vieler dieser Vorschläge bewegt sich Deutschland in Richtung einer Gesellschaft, in der die Menschen bis ins hohe Alter möglichst lückenlos dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen. Weniger nett gesagt: Deutschland wird ein Arbeitslager.

Besonders unerquicklich für Mütter.
Denn hinter dem ganzen Konzept erkenne ich vor allem ein Ziel: Man frönt der Tagespolitik. Die Menschen sollen in den letzten Jahren vor dem Renteneintritt noch einmal möglichst lange und möglichst intensiv im Vollzeitjob verbleiben. Alles andere erscheint mir als Blandwerk, wie etwa das „schwedische Modell“ eines Renten-Staatsfonds.
Nehmen wir doch noch mal die Mutter zur Veranschaulichung, die fünf Kinder großgezogen hat und dafür viele Jahre zu Hause geblieben ist.
Nach dieser Logik darf sie dann mit 60, 65 oder 70 Jahren noch einmal voller Elan ihre „Rentenpunkte“ vervollständigen und sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen [2]. Ihre Großmutter hingegen konnte mit 60 Jahren in Rente gehen.
Und bevor jetzt jemand einwendet, die Menschen seien heute schließlich gesünder: Es möge mir bitte niemand erklären, dass eine Frau, die ihr Leben lang in der Altenpflege gearbeitet hat, mit 60 grundsätzlich gebrechlicher gewesen sei als ihre heutige Kollegin im selben Alter. Lass dir auch diesen Gedanken von einer KI weiterführen, oder warte einige Wochen, bis ich hier auf inhortas.de dazu einen Artikel schreibe. Der kommt garantiert … oder schau noch einmal in das dänische Modell.
Die wichtigsten Vorschläge im Überblick – unkommentiert
Renteneintritt und Arbeitszeit
Kopplung an die Lebenserwartung
Das Renteneintrittsalter soll künftig automatisch mit der Lebenserwartung steigen. Nach aktuellen Berechnungen würde dies bedeuten:
- 2041: Renteneintritt mit 67,5 Jahren
- 2051: Renteneintritt mit 68 Jahren
- in den 2090er-Jahren: Renteneintritt mit 70 Jahren
Das Verhältnis von Arbeitsjahren zu Rentenjahren soll dabei ungefähr 2:1 betragen.
Ende der „Rente mit 63“
Der abschlagsfreie Renteneintritt nach 45 Beitragsjahren soll abgeschafft werden. Als Begründung werden die hohen Kosten genannt. Für gesundheitlich stark belastete Personen sind Ausnahmeregelungen vorgesehen.
Einschränkung der Altersteilzeit
Modelle wie das Blockmodell – zunächst arbeiten, später vollständig freigestellt werden – sollen weitgehend entfallen. Ziel ist eine längere Beschäftigung älterer Arbeitnehmer.
Finanzierung und neue Strukturen
Einführung einer Kapitalsäule
Ein Teil der Rentenbeiträge soll künftig verpflichtend in einen staatlichen Aktienfonds fließen. Vorgesehen sind zunächst 0,5 Prozent des Bruttolohns, später bis zu 2 Prozent. Finanziert werden soll dies paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.
Erwerbstätigenversicherung
Neue Selbstständige sollen künftig verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Für bereits bestehende Selbstständige soll es Wahlmöglichkeiten geben. Auch über die Einbeziehung von Beamten wird weiterhin diskutiert.
Abschaffung beitragsfreier Minijobs
Minijobs sollen künftig stärker in die Finanzierung der Rentenkasse eingebunden werden. [Auspressung der Unterschicht]
Demografische Kopplung
Bei Rentenanpassungen soll künftig nicht nur die Lohnentwicklung berücksichtigt werden, sondern auch das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern.
Soziale Absicherung
Rentenniveau
Als Zielgröße wird vorgeschlagen, dass Rentner im Ruhestand mindestens 70 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens erhalten. [wenn sie jetzt nur 53% schaffen und das Geld der Rentenkassen alle ist, warum dann dieser unrealsitsiche Vorschlag in Bezug auf Deutschland?] siehe [4]
Freibetrag bei der Grundsicherung
Wer lange Beiträge gezahlt hat, soll im Alter spürbar besser gestellt werden als Personen ohne entsprechende Beitragszeiten.
Reform der Hinterbliebenenrente
Die klassische Witwen- und Witwerrente soll an „moderne“ Lebens- und Familienformen angepasst werden. [gefährliche Rentenfalle: Rentensplitting!]
Keine Zwangsverrentung
Niemand soll künftig gegen seinen Willen vorzeitig in Rente geschickt werden können. Vorrang soll die Vermittlung in Arbeit haben. [„Niemand hat vor eine Mauer zu bauen“]
Und das Abartigste zum Schluss:
Unter den bekannt gewordenen Empfehlungen findet sich ein Vorschlag ab 45 Jahre Berufstätige regelmäßig zum Rapport beim Arzt (Gesundheitscheck) antreten zu lassen – die Lobbyisten von Big Pharma lassen grüßen.
Die Idee zielt darauf ab, frühzeitig festzustellen, ob Beschäftigte – insbesondere in körperlich belastenden Berufen – gesundheitliche Einschränkungen entwickeln und welche Möglichkeiten zur Prävention, Umschulung oder Anpassung der Arbeitsbedingungen bestehen. Hintergrund ist die geplante längere Lebensarbeitszeit.
Ok … wie ich eingangs schon erwähnte: Eine fragmentierte Sammlung politisch-ideologischer und kommunsitischer Furzideen.
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Quellen und Hinweise
[1] Rentenkommission 2026 · Die Alterssicherungskommission (ASK) – auch als Rentenkommission bekannt – hat ihren Bericht für Reformen der Alterssicherung vorgelegt
[2] Die Mama „ackert“ also ab 60 noch mal richtig los und wenn sie Pech hat, reicht die Rente mit 70 nicht zum Leben und sie muss Sozialhilfe (Grundsicherung im Alter) beantragen – und soll allerdings dann erst mal ihre Ersparnisse aufbrauchen, die sie zum Beispiel für die heutzutage nötigen Arztkosten gespart hat. Ihr „Schonvermögen darf 10.000 EUR nicht übersteigen. Das Rentenprogramm ist ein Enteignungsprogramm.
Hinzu kommt noch der Plan, bezüglich der Krankenkasse die Familienversicherung, die kostenfreie Mitversicherung abzuschaffen, wenn z.B. der Mann arbeitet (Krankenkassenbeiträge zahlt) und die Frau ein Jahr vor Beginn der Altersrente aufhören will/muss/sollte zu Arbeiten. Dann zahlt sie nach den neuesten Ideen eine eigene Krankanversicherung von ihrm Nicht-Einkommen.
[3] Noch zur Themenvertiefung – Krall & Bubeck: +2% Abgabe soll die Rente retten, wenn bitte richtig! – 23.6.2026
[4] Wo leben die reichsten Rentner? Hier ist die vollständige Übersicht für fast alle EU-Länder, basierend auf den standardisierten Modellrechnungen des OECD-Berichts „Pensions at a Glance“.
Die Liste zeigt die zukünftige Netto-Rentenersatzquote für einen Durchschnittsverdiener bei einer lückenlosen Erwerbsbiografie. Um die Übersichtlichkeit zu wahren, sind die Länder nach der Höhe ihres Rentenniveaus absteigend sortiert:
Das Spitzenfeld (Über 80 %)
In diesen Ländern sichert das Alterssicherungssystem (oft durch verpflichtende Kombinationen aus staatlicher Rente und starken Betriebsrenten) fast das vorherige Nettoeinkommen ab:
- Niederlande: ~96 %
- Ungarn: ~94 %
- Portugal: ~90 %
- Luxemburg: ~89 %
- Österreich: ~87 %
- Dänemark: ~84 %
- Griechenland: ~83 %
- Italien: ~81 %
- Spanien: ~80 %
Das gehobene Mittelfeld (65 % bis 79 %)
Diese Staaten bieten eine solide Absicherung, bei der im Regelfall nur eine kleinere Lücke zum letzten Gehalt entsteht:
- Frankreich: ~74 %
- Bulgarien: ~72 %
- Slowakei: ~70 %
- Rumänien: ~68 %
- Schweden: ~66 %
- Finnland: ~65 %
Das untere Mittelfeld (50 % bis 64 %)
Hierunter fällt auch Deutschland. In dieser Gruppe reicht die gesetzliche Pflichtabsicherung meist nicht aus, um den Lebensstandard zu halten; private Vorsorge ist hier strukturell fest eingeplant:
- Belgien: ~62 %
- Tschechien: ~60 %
- Zypern: ~57 %
- Slowenien: ~56 %
- Deutschland: ~53,3 %
- Malta: ~52 %
- Kroatien: ~51 %
Die Schlusslichter (Unter 50 %)
In diesen Ländern ist die reine Pflichtrente extrem niedrig angesetzt. Wer hier nicht massiv privat anspart oder über Immobilien verfügt, rutscht im Alter unweigerlich in ein deutlich niedrigeres Einkommensniveau:
- Polen: ~43 %
- Lettland: ~42 %
- Litauen: ~36 %
- Estland: ~34 %
- Irland: ~33 %
Was man bei diesem EU-Vergleich beachten muss:
Der „Bruttolohn“-Faktor. In Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark sind die Quoten auch deshalb so hoch, weil fast jeder Arbeitnehmer verpflichtend erhebliche Teile seines Gehalts in große Pensionsfonds einzahlt. In Deutschland ist dieser Teil (Riester, private Fonds, ETFs) komplett freiwillig und taucht daher in der Kernstatistik (53,3 %) nicht auf.
Nachträge:
27.6.2026 – Es scheint, dass nun auch rasch die propagandistische Untermalung der Rentner-Arbeitsdebatte aufgedreht wird. Im Auto schaltete ich kurz ins Deutschlandradio hinein und hörte eine Sendung über fröhlich arbeitende Rentner im Ruhestand … wo lieber gearbeitet wird, als Wohngeld zu beantragen.
„Arbeiten trotz Ruhestand – Warum immer mehr Rentner weitermachen.“ (Hennen, Claudia | 27. Juni 2026, 09:05 Uhr)