Bild: Männer einer Dogon-Familie teilen sich eine Pause bei selbstgebrautem Hirsebier auf dem Markt in der Nähe von Tireli, Mali. Aufnahme aus der ©1980 Dogon Kollektion W.E.A. van Beek
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Dem folgenden Beitrag möchte ich einen kleinen Denkanstoß voranstellen – eine Frage, die ich im Artikel bewusst nicht beantworte, sondern als Impuls stehen lasse:
Wenn eine Volksgemeinschaft wie die Dogon es unter den unten dargestellten kargen Bedingungen [1] schafft, auskömmlich und zufrieden zu leben, wie ist es dann möglich, dass an anderer Stelle auf der Welt Menschen in Mangel leben?
Ist Mangel ein natürlicher Zustand, der von der Natur vorgesehen ist – oder ist er vom Menschen selbst herbeigeführt?
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Die Dogon
Wer sich den Lebensraum der Dogon auf der Karte ansieht, versteht schnell, warum hier nie eine intensive Pfluglandwirtschaft entstanden ist. Die Siedlungsgebiete entlang der Bandiagara-Schlucht in Mali sind steinig, trocken und topografisch anspruchsvoll. Und doch leben hier seit Jahrhunderten Gemeinschaften, die sich ihre agrarische Eigenständigkeit bewahrt haben.
Diese Abgeschiedenheit führte nicht nur zur Ausbildung kultureller Eigenheiten [2], sondern auch zur Bewahrung einer uralten Form der Landwirtschaft: des p f l u g l o s e n Hackbaus.

Hackbau statt Pflug – kein Rückschritt, sondern Anpassung
Während der Pflug offene, tiefgründige Böden voraussetzt, arbeitet der Hackbau – die älteste Form der Landbautechnik – mit dem, was vorhanden ist. Er erlaubt eine feine, punktuelle Bodenbearbeitung, ohne die fragile Bodenstruktur zu zerstören. Genau diese Technik macht es möglich, auch auf steinigen Terrassen, flachen Böden und in erosionsgefährdeten Hanglagen erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben.
Ich behaupte, dass genau hierin einer der Gründe liegt, warum die Dogon ihre Autarkie über lange Zeiträume bewahren konnten. Hackbau ist keine Notlösung, sondern eine agrarische Kunstform, die deutlich verbreiteter sein könnte – gerade heute.

Terrassen, Steine und Geduld
Die Felder der Dogon sind oft terrassiert und mit Steinen stabilisiert. Diese verhindern Bodenerosion, speichern Wärme und bremsen den Abfluss von Regenwasser. Die Landschaft selbst wird so zum Teil des landwirtschaftlichen Systems.
Angebaut werden vor allem Hirse, Sorghum und Bohnen – Pflanzen, die an Trockenheit angepasst sind und auch auf marginalen Böden zuverlässig Ertrag liefern. Besonders Hirse zeigt, warum sie seit Jahrtausenden ein Grundnahrungsmittel in ariden Regionen ist: geringe Wasseransprüche, kurze Reifezeiten und hohe Robustheit.

Bäume als Teil des Feldes
Auffällig ist, dass Felder der Dogon nicht baumfrei sind. Baobab, Sheanussbaum (Karité) und Néré bleiben bewusst stehen oder werden gezielt integriert. Sie liefern Nahrung, Schatten und verbessern die Bodenqualität. Landwirtschaft und Landschaft sind hier nicht getrennt – sie greifen ineinander.
Hackbau als beobachtbare Praxis
Der Ethnologe und Agrarhistoriker Prof. Ernst Werth hat den tropischen Hackbau als eigenständige landwirtschaftliche Form präzise beschrieben. Bei den Dogon lässt sich diese Theorie bis ins Detail beobachten: von der Feldbearbeitung über die Werkzeugformen bis hin zu Lagerung, Verarbeitung und Keramik.
Die Keramik der Dogon, oft ohne Töpferscheibe gefertigt und oft in Kürbisform gestaltet, ist kein Nebenprodukt, sondern Teil des agrarischen Systems. Gefäße zum Lagern von Getreide, Wasser und Bier sind funktional, robust und exakt auf den Alltag abgestimmt (siehe dazu Beitragsbid ganz oben).
Bier, Gemeinschaft und Landwirtschaft
Hirsebier ist bei den Dogon mehr als ein Getränk. Es ist Teil sozialer Rituale, Marktgeschehen und gemeinschaftlicher Arbeit. Landwirtschaft, Handwerk und soziale Ordnung sind hier eng miteinander verwoben. Bereits Prof. Emil Werth machte darauf aufmerksam, dass das Bierbrauen schon seit Menschengedenken den in den Tropen entstandenen Hackbau begleitete und Bier wurde nachweislich schon vor 13.000 Jahren gebraut.
Eine vergessene Alternative?
Die Dogon zeigen, dass Landwirtschaft nicht zwangsläufig Pflug, Monokultur und Flächenexpansion bedeuten muss. Ihr System basiert auf Anpassung, Beobachtung und langfristiger Stabilität – nicht auf maximalem Ertrag pro Jahr, sondern auf Überleben über Generationen.
Vielleicht liegt genau darin eine Lehre, die heute wieder an Bedeutung gewinnt.
Und: Die Dogon in Westafrika. Eine spannende Dokumentation in Sachen Gartenbaugeschichte über eine typische Pflanzer-Hackbau-Kultur.
Dokumentation aus dem Jahre 2003 „Landwirtschaft am Rande der Sahara“. Dieses Filmdokument zeigt uns beispielgebend die Effizienz und weltanschauliche Tiefe dieser und vieler anderer alten Agrarkulturen in allen ihren Einzelheiten, welche vom WERTH den tropischen Hackbau-Kulturen zugeordnet werden.
Originaltitel: Gewebte Erde – Die Haut der Erde oder der letzte Dreck; Ein Film von Peter Heller ©2003 Lizenz Filmkraft Peter Hell.
Wandel unter modernen Einflüssen
In den letzten Jahrzehnten haben sich im Lebensraum der Dogon Veränderungen bemerkbar gemacht. Unter dem Einfluss moderner Entwicklungsprogramme, staatlicher Eingriffe und der wachsenden Nachfrage aus den Städten begannen einige Gemeinschaften damit, kleine Staudämme in den Talsenken anzulegen und Formen des bewässerten Gartenbaus zu betreiben. In diesen Gärten werden zunehmend Gemüse für den Verkauf auf den Märkten regionaler Zentren wie Mopti, Bandiagara oder Sévaré angebaut.
Diese neue Form der Nutzung unterscheidet sich deutlich vom traditionellen, regenabhängigen Hackbau der Hochlagen. Sie ist stärker marktorientiert, arbeitsintensiver und stärker in überregionale Wirtschaftsbeziehungen eingebunden. Die Frage, in welchem Maß sich dadurch auch soziale Strukturen, Arbeitsrhythmen und kulturelle Praktiken verändern, ist offen – und vermutlich von Dorf zu Dorf unterschiedlich.
Meine letzten Primärinformationen dazu stammen aus ethnologischen Filmaufnahmen und Berichten der 1970er und 1980er Jahre, in denen dieser Übergang bereits angedeutet wurde. Ob und wie weit sich diese Entwicklungen seither vertieft haben, bleibt eine spannende Frage. Sicher ist jedoch: Die Dogon stehen heute – wie viele indigene Gesellschaften – an der Schnittstelle zwischen bewahrter agrarischer Erfahrung und ökonomischem Anpassungsdruck der Moderne.
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[1] Lies auch: „Der Mais-Feldbau der Hopi-Indianer: Ein Meisterwerk der Wüstenlandwirtschaft (Trockenfeldbau)“
[2] Die Kosmologie der Dogon gilt als eines der rätselhaftesten Sujets der Ethnologie. Besonders ihre detaillierten Überlieferungen zum Sirius-System – insbesondere das Wissen um den unsichtbaren Begleiter Sirius B („Po Tolo“), lange bevor dieser teleskopisch nachgewiesen werden konnte – werfen bis heute Fragen über den Ursprung ihres astronomischen Wissens auf. Ob es sich dabei um das Erbe antiker Kontakte, eine komplexe mythologische Chiffre oder, wie die Dogon selbst tradieren, um das Wissen ihrer vom Sirius-System herabgestiegenen Lehrmeister (die Nommo) handelt, bleibt eine Einladung an jeden Leser, die Grenze zwischen Mythos und Wissenschaft selbst neu zu bewerten. (Vgl. dazu die kontroversen Thesen von Robert Temple in Das Sirius-Rätsel sowie die ethnografischen Grundlagenwerke von Marcel Griaule).
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