Im Frühsommer stellt sich leicht ein Gefühl von Beständigkeit ein. Die Tage sind lang, das Wachstum sichtbar, der Sommer scheint beschlossen. Und doch gehört zum Juni eine kleine Gegenbewegung: eine mögliche Abkühlung, mit der man rechnen könnte – wenn man wollte.
Die sogenannte Schafskälte (unten erklärt) ist eine solche angekündigte Unsicherheit. Sie tritt nicht in jedem Jahr ein, aber häufig genug, um im Erfahrungswissen verankert zu sein.
Man weiß um sie – und blendet sie doch gern aus. Denn Stabilität fühlt sich überzeugender an als Vorläufigkeit.
Im Alltag finden sich oft vergleichbare Situationen.
Man weiß zum Beispiel, dass nach einer Phase intensiver Arbeit eine Erschöpfung folgen kann – und plant doch, als bliebe die eigene Kraft unverändert.
Lernen wir von der Natur! Wachstum verläuft nicht geradlinig. Fortschritt kennt Unterbrechungen. Reife Planung rechnet mit Rückschlägen, ohne sie dramatisch zu überhöhen. Stabilität entsteht nicht dadurch, dass nichts schwankt, sondern dadurch, dass man mit Schwankungen rechnet.
Die Schafskälte – ein Kälterückfall im Frühsommer
Als Schafskälte bezeichnet man einen typischen Kälterückfall im Frühsommer, der in Mitteleuropa meist zwischen dem 4. und 20. Juni auftritt, besonders häufig um die Monatsmitte.
Nach bereits sommerlich warmen Tagen gelangt dabei kühle, feuchte Luft aus nordwestlichen oder nördlichen Richtungen nach Mitteleuropa. Ursache ist in der Regel eine veränderte Großwetterlage mit Tiefdruckeinfluss. Typisch sind deutlich sinkende Temperaturen, Regen oder Schauer sowie frischer Wind.
Meteorologisch handelt es sich um eine sogenannte Singularität, also eine im Jahresverlauf relativ häufig wiederkehrende Wetteranomalie.
Der Name geht auf die traditionelle Schafhaltung zurück: Wurden die Tiere im späten Frühjahr geschoren, konnten sie durch eine plötzliche Abkühlung besonders empfindlich betroffen sein. Der Begriff ist vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet und gehört zu den agrarisch geprägten Wetterbezeichnungen wie den Eisheiligen oder den Hundstagen.