Oder: Der Zwischenraum im Leben. Naturphilosophie.
➡️ Der April ist der Monat der blühenden Forsythien. In Gärten und Vorgärten, in Städten und Dörfern liegt nun dieser goldgelbe Flor, der die ersten kräftigen Farben des Frühlings malt.
Und doch – so leuchtend diese Erscheinung ist – bleibt sie eigentümlich vorläufig.

Ein kaum benannter Frühling
Genau genommen ist es der Erstfrühling, der sich hier zeigt, jener Abschnitt zwischen Vorfrühling und Vollfrühling. Ein kaum bekanntes Wort, das sich – anders als der Vorfrühling – im allgemeinen Sprachgebrauch nie recht durchgesetzt hat.
Es stammt aus der Agrarmeteorologie, aus dem phänologischen Kalender, dem Kalender der Natur. Die Poeten haben ihn noch nicht erreicht. Vielleicht, weil „Erstfrühling“ sperrig klingt. Vielleicht auch, weil er sich schwer fassen lässt.
Denn was ist das eigentlich – ein erster Frühling?
Ist das nicht schon der Vorfrühling?
Die Klarheit des Vollfrühlings
Mit dem sogenannten Vollfrühling hingegen lässt sich mehr anfangen. Er beginnt mit der Apfelblüte, mit dem dichten Grün der Wiesen, mit dem Tanz in den Mai.
In den Gärten folgt ein wahres Blütenfeuerwerk: Rhododendren, Azaleen, später die Robinien und der schwarze Holunder – mit beiden Letzteren kündigt sich der Vorsommer an.
Hier ist alles eindeutig. Sichtbar. Greifbar.
Der unscheinbare Übergang
Doch gerade deshalb lohnt es sich, den Blick noch einmal zurückzulenken – auf diese unscheinbare Zwischenzeit im April.
Denn dieser Erstfrühling – oder vielleicht treffender: dieser Zwischenfrühling – ist keine Zeit der großen Erscheinungen. Er ist eine Zeit des Übergangs.
Vom Wetter her bedarf das kaum einer Erklärung.
Vom Leben der Gärten und Landschaften vielleicht schon.
Die Wiesen werden grün, doch sie bleiben noch dünn.
Warme Tage treten auf, doch sie tragen noch keine Dauer.
Und im Gemüsegarten scheint es, als geschehe noch gar nichts.
Die verborgene Arbeit der Natur
Es ist eine stille Zeit, in der wenig voranzugehen scheint – und doch geschieht gerade hier das Entscheidende.
Die Natur beginnt zu akkumulieren.

Licht wird aufgenommen, Wärme gespeichert, Energie gebunden – zunächst unsichtbar.
Die Bienen fliegen bereits, sammeln, tragen ein, doch im Stock bleibt all dies noch unauffällig – obwohl die Aktivität längst eingesetzt hat.
Und dann, im Mai, scheint es plötzlich: eine Explosion. Leben in Fülle, Überfluss, Bewegung.
Doch dieses plötzliche Aufblühen ist kein Anfang.
Es ist die Folge.
Der Mai ist nur sichtbar gewordener April.
Wachstum im Verborgenen
Vielleicht liegt gerade darin das Wesen dieses Zwischenfrühlings:
Er ist keine Erscheinung, sondern ein Vorgang.
Die Natur entfaltet sich noch nicht –
sie sammelt die Kraft zur Entfaltung.
Das Unsichtbare ist wichtiger als das Sichtbare.
Der verlorene Zwischenraum im Leben
Und genau an diesem Punkt berührt sich das Naturgeschehen mit unserem eigenen Leben.
Auch wir kennen solche Zwischenzeiten – zumindest könnten wir sie kennen.
Zwischen Ruhe und Aktivität. Zwischen Rückzug und Aufbruch. Zwischen Urlaub und Arbeitsalltag.

Doch auffällig ist: In unserem Leben fehlen diese Phasen oft.
Wir kennen das Entweder-Oder.
Arbeit oder Urlaub. Anspannung oder Entspannung. Funktionieren oder Abschalten.
Der Urlaub selbst wird dabei selten zu dem, was er sein könnte.
Er ist oft nur ein Gegenpol – Erschöpfung in anderer Umgebung.Und wenn er endet, folgt der abrupte Übergang zurück in den Alltag.
Kein Übergang, sondern ein Bruch.
Die vergessene Phase der Akkumulation
Was fehlt, ist das, was die Natur im April ganz selbstverständlich vollzieht:
eine Phase der Akkumulation.
Vielleicht müsste man also nicht mehr Urlaub machen,
sondern anders aus ihm zurückkehren.
Nicht sofort planen.
Nicht sofort handeln.
Nicht sofort wieder funktionieren.
Es braucht einen Moment der Akkumulation des Erlebten.
Zwei, drei Tage, in denen noch nichts Neues beginnt –
aber etwas Altes sich ordnet.

Eine einfache, aber entscheidende Frage
Die eigentliche Frage ist vielleicht nicht,
wie wir uns erholen,sondern ob wir noch wissen,
wie man Kräfte sammelt,
ohne sie sofort wieder auszugeben.
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