August – die Zeit des Zuendeführens (Zeitqualitäten)

Wanderweg duch die Landschaft im August

➡️ Als ich mich vor einiger Zeit mit Jahreszeitengedichten beschäftigte, fiel mir auf, dass der August unter den Dichtern merkwürdig schlecht wegkommt. Juni und Juli liefern Frische und Fülle, September die klare Melancholie der Ernte. Der achte Monat bleibt weitgehend unbesungen. Kaum ein klassisches Monatsgedicht widmet sich ihm.

Die natürliche Zwischenlage

In der Natur wirkt er ebenfalls unauffällig. Die Obstplantagen hängen voll, der Wein ist weit gediehen. Nur die letzte Reife fehlt hier und da. Der August steckt zwischen Hochsommer und Herbstanfang. Er besitzt weder die leichte Beweglichkeit des frühen Sommers noch die entschiedene Erntehaltung des Septembers.

Gerade diese Zwischenlage erregte meine Aufmerksamkeit. Wenn ein Abschnitt im Jahreslauf so wenig beachtet wird, muss er eine eigene, schwer greifbare Qualität besitzen. Ich begann zu prüfen, worin sie bestehen könnte.

Der Kontrast bei Rilke

Rilkes „Herbsttag“ lieferte den entscheidenden Kontrast:

„Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“

Im Herbst ist der Punkt überschritten, an dem man noch grundlegend neu beginnt. Häuser werden nicht mehr errichtet, Alleinsein verfestigt sich. Der August liegt davor. Hier ist Vollendung noch möglich. Angefangenes kann zuende geführt werden, bevor die Unwiderruflichkeit einsetzt.

Noch mögliche Vollendung

Das unterscheidet die Zeitqualität des Spätsommers von der des Herbstes. Während der eine noch Handlungsspielraum lässt, schließt der andere ab. Die Beobachtung gilt nicht nur für den Garten oder den Weinberg. Sie trifft auf Vorhaben, Projekte und Lebensabschnitte zu, die man über Monate hinweg begonnen hat.

Wer in dieser Phase bewusst Rückschau hält und prüft, was noch abgeschlossen werden muss, schafft eine Voraussetzung für das Folgende. Das Zuendeführen bringt eine Form von Ordnung, die neues Beginnen erleichtert – nicht aus Pflicht, sondern aus der Logik der Reifung selbst.

Die größere Ordnung

Hinter der geringen Beachtung des Augusts steckt demnach keine Leere, sondern ein Muster, das sich in vielen Zyklen wiederholt: zwischen Höhepunkt und Abschluss liegt eine Phase, in der das Wesentliche noch vollendet werden kann. Wer sie übersieht, verliert nicht nur einen Monat, sondern eine Möglichkeit der Klärung.

Die Jahreszeiten lehren uns dasselbe, was ein aufmerksamer Blick in den eigenen Kalender zeigt:

Es gibt Phasen, in denen man noch handeln kann – und Phasen, in denen das Handeln vorbei ist. Der August gehört zu den ersteren. Wer ihn übersieht, hat später weniger zu ernten, als die Natur eigentlich bereitgestellt hatte.

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