Rote-Bete-Salat – Warum ich Rote Bete anbaue, obwohl ich sie eigentlich nicht mag

Rote Bete Salat abgemacht in einer Schüssel

➡️ Es gibt Gemüse, die landen beinahe selbstverständlich im Garten. Tomaten zum Beispiel oder Bohnen. Andere dagegen wirken wie alte Bekannte, mit denen man zwar auskommen muss, die man sich aber kaum freiwillig zum Abendessen einladen würde.

Zu dieser zweiten Gruppe gehört für mich die Rote Bete (Beta vulgaris).

Jedes Jahr säe ich sie aus. Jedes Jahr wächst die Rübe zuverlässig. Und jedes Jahr frage ich mich aufs Neue, warum ich ausgerechnet ein Gemüse anbaue, dessen erdiger Geschmack mich seit jeher eher abschreckt als begeistert.

Auf den ersten Blick scheint das widersprüchlich zu sein. Doch gerade dieser kleine Widerspruch erzählt etwas über die Unterschiede zwischen einer Selbstversorgerküche und einer Küche, die ihren Speiseplan im Supermarkt zusammenstellt.

 


Der Garten entscheidet nicht nach Geschmack

In einem Küchengarten gibt es Gemüse, die man wegen ihres Geschmacks anbaut. Andere verdienen ihren Platz aus ganz anderen Gründen.

Rote Bete gehört eindeutig zur zweiten Gruppe.

Sie liefert beinahe jedes Jahr sichere Erträge. Sie kommt mit halbschattigen Standorten zurecht, auf denen andere Kulturen weniger zufriedenstellend wachsen. Vor allem aber lässt sie sich über viele Monate nahezu verlustfrei lagern. Gerade in der winterlichen Vorratswirtschaft nimmt sie deshalb eine besondere Stellung ein.

Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Vorteil. Im Gartenbau sind Rote Beten nicht nur wertvolle Vorratsgemüse, sondern auch wichtige Glieder einer durchdachten Fruchtfolge. Während viele Rübenarten den Kohlgewächsen angehören und ähnliche Ansprüche an den Boden stellen, erweitert die Rote Bete die Möglichkeiten eines ausgewogenen Kulturwechsels erheblich.

 

Rote Bete verzogen
Ab Mitte Juli beginnt die Rote-Bete-Saison mit dem Verziehen der im April gesäten Rüben. Über Winter gelagerte Rote Bete gibt es bis in den März hinein.

Mit anderen Worten: Der Garten hat gute Gründe, warum er auf dieses Gemüse nicht verzichten möchte.

Nur mein Empfinden für einen annhmebaren Geschmack war lange ganz anderer Meinung. Eindeutiger gesagt und jeder mag das anders sehen: Ich halte Rote Bete für widerlich im Geschmack.

Die einzige Ausnahme

Merkwürdigerweise gibt es genau ein Gericht, bei dem dieser Widerstand verschwindet.

Rote-Bete-Salat.

Nicht irgendein aufwendig komponiertes Feinschmeckergericht, sondern die denkbar einfachste Variante aus gekochten Roten Beten, etwas Mayonnaise, Salz, Essig und einer fein geschnittenen Zwiebel.

Diesen Salat esse ich sogar gern.

Irgendwann begann ich mich zu fragen, weshalb ausgerechnet hier etwas gelingt, das der gekochten oder gar rohen Roten Bete sonst kaum gelingt.

Vielleicht liegt die Antwort weniger im Rezept als in den Veränderungen, die das Gemüse während seiner Zubereitung erfährt.

Warum dieser Salat funktioniert

Kochen nimmt der Roten Bete einen Teil ihres kräftigen, leicht herben Eigencharakters. Fett rundet das Aroma ab. Die Säure des Essigs setzt einen angenehmen Gegenpol zur natürlichen Süße der Rüben. Aus mehreren geschmacklichen Gegensätzen entsteht allmählich ein überraschend ausgewogenes Ganzes.

 

Rote Bete und Pellkartoffeln
Rote Bete und Pellkartoffeln in einem Zug gekocht. Einmal kochen. Zwei Mahlzeiten geinnen. Das get auch mit kleinen Mengen.

Gerade darin unterscheiden sich gute Rezepte von bloßen Zutatenlisten.

Sie lösen ein Problem.

Nicht indem sie den ursprünglichen Charakter eines Lebensmittels verleugnen, sondern indem sie ihn in einen größeren Zusammenhang stellen.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb sich dieses Grundrezept beinahe beliebig weiterentwickeln lässt.

Wenn aus einem Grundrezept eine kleine Küche entsteht

Kartoffeln nehmen dem Salat etwas von seiner Intensität und machen ihn zugleich sättigender. Weich gekochte Eier bringen eine angenehm cremige Ergänzung. Käse – ob jung, als Schaf- oder Ziegenkäse – fügt eine neue geschmackliche Ebene hinzu. Auch Tofu lässt sich gut einfügen.

Besonders gelungen erscheint mir allerdings die Verbindung mit Matjes.

 

Marinus Matjes Packungen
Eine gemeinsame Saison! Erste Rüben, Frühkartoffeln und Matjes.

Der milde, leicht salzige Fisch bildet einen bemerkenswerten Gegenpol zur Süße der Roten Bete. Beide Lebensmittel stammen gewissermaßen aus unterschiedlichen Welten und scheinen doch füreinander geschaffen zu sein.

Überhaupt gehört der Hering für mich zu den bemerkenswertesten Lebensmitteln unserer Küche. Er steht in der Nahrungskette vergleichsweise weit unten, gilt deshalb als wenig belastet und verbindet ernährungsphysiologische Vorzüge mit einer angenehmen Schlichtheit. Vielleicht passt er gerade deshalb so gut in eine Küche, die eher von Vernunft als von modischen Strömungen geprägt wird.

Aus wenigen Grundzutaten entsteht so ohne großen Aufwand eine vollständige Mahlzeit.

Nicht luxuriös.

Aber erstaunlich vollständig.

Auch die Zubereitung erzählt eine Geschichte

Noch interessanter als das Rezept selbst finde ich allerdings eine alte Kochmethode, die heute beinahe vergessen scheint.

Rote Bete muss nicht eine Stunde lang auf kleiner Flamme köcheln.

Seit Jahren kochen wir die Rüben lediglich wenige Minuten auf, wickeln den Topf anschließend dick in Decken ein – früher hätte man dafür die Kochkiste verwendet – und lassen die Restwärme die eigentliche Arbeit erledigen.

Heute übernehmen diese Aufgabe moderne Kochsäcke wie der „Wonderbag“ (Man informiere sich weiter).

Das Verfahren spart Energie, verlangt kaum Aufmerksamkeit und nimmt dem Kochen jede Hast. Am nächsten Morgen sind die Rüben weich, häufig noch angenehm warm und bereit für die weitere Verarbeitung.

Je länger ich diese Methode benutze, desto deutlicher wird mir, dass viele ältere Küchentechniken weniger auf Geschwindigkeit als auf Gelassenheit angelegt waren.

Sie arbeiteten nicht gegen die Zeit.

Sie arbeiteten mit ihr.

Was ein einfacher Salat über Selbstversorgung verrät

Vielleicht liegt hier die eigentliche Erkenntnis dieses kleinen Küchenexperiments.

In der Selbstversorgung entsteht ein Gericht selten aus einer spontanen Laune. Es wächst vielmehr aus den Möglichkeiten des Gartens, den Vorräten des Winters und der Erfahrung, wie sich einzelne Lebensmittel sinnvoll miteinander verbinden lassen.

Der Garten stellt die Frage.

Die Küche sucht die Antwort.

Erfahrende Eigenversorger erkennt man also nicht daran, dass sie nur ihre Lieblingsgemüse anbauen. Sondern daran, dass sie selbst mit den eigenwilligen Bewohnern des Beetes Frieden schließen – manchmal genügt dazu schon eine Schüssel Rote-Bete-Salat.

Ergänzungen

Rote Bete Salat – die einfachste Variante

  • 500 g Rote Bete gekocht und geschält
  • 5 Esslöffel Mayonnaise + Joghurt
  • 1 Zwiebel
  • Salz und Essig zum würzen

Die zuvor gekochten Rüben werden wenn nötig geschält und in ein bis eineinhalb zentimetergroße Stücke geschnitten. Dann geben wir die Mayonnaise hinzu, wie auch eine klein geschnittene Zwiebel (wer möchte).
Anschließend wird der Salat noch mit Salz abgeschmeckt und fertig ist das einfache, aber schmackhafte Menü. Man reicht dazu ein getoastetes Weißbrot. Weitere ZUtaten können beispielsweise sein: Gekochte Eier, Gekochter Schinken, Junger Hartkäse, Ziegenkäse, Schafskäse, Matjeshering, Tofu, usw.

 

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