Bild: Zur Gesundung wird heut ein Steak serviert!
[Keto][Hausschwein]
➡️ Es gehört zu den unbemerkten Paradoxien unserer Zeit, dass wir uns für aufgeklärt halten – und zugleich mit erstaunlicher Leichtgläubigkeit an moderne Ernährungsmythen klammern.
Wir leben, so heißt es, im Zeitalter der Wissenschaft. Und doch genügen oft wenige Schlagworte, um komplexe Sachverhalte moralisch zu versiegeln.
Das ist keine beiläufige Beobachtung. Das ist ein strukturelles Problem.

Da gilt Schweineschmalz als Relikt kulinarischer Rückständigkeit – während sein potenziell hoher Vitamin-D-Gehalt kaum je Erwähnung findet, obwohl er unter günstigen Bedingungen durchaus an klassische Lebertranwerte heranreichen kann.
Und dennoch bleibt der Befund scheinbar eindeutig:
Schweineschmalz ist ungesund.
Vom Misstrauen gegenüber einfachen Wahrheiten
Ein ganz ähnlicher Mechanismus wirkt beim nächsten großen Glaubenssatz:
Rotes Fleisch ist gesundheitsschädlich, womöglich sogar krebserregend.
Eine Gewissheit, vorgetragen mit missionarischem Ernst. Umso aufschlussreicher ist es, wenn ausgerechnet ein alternativmedizinisch geprägter Sender wie QS24 ein Interview veröffentlicht, das diese Gewissheit methodisch auseinandernimmt.
Am 20.06.2025 sprach dort Dr. med. Simon Feldhaus über den tatsächlichen Stand der Forschung zum Fleischkonsum – sachlich, unaufgeregt, beinahe altmodisch wissenschaftlich. (Video ganz unten einsehbar!)
Gerade diese Konstellation ist entlarvend. Sie wirft ein Licht auf eine westliche Diskurskultur, die sich gern rational gibt, aber in Ernährungsfragen zu einem eigentümlich infantil-magischen Denken neigt:
Gut und Böse werden sauber getrennt, Komplexität wird als Zumutung empfunden, und Unsicherheit gilt als Makel.
Ein Denken, das weniger fragt, wie etwas wirkt, als wozu es moralisch taugt.
Ein offenes Geheimnis der Forschung
Im Kern behandelt das Interview ein Sachverhältnis, das in der Wissenschaft keineswegs neu ist – in der Öffentlichkeit jedoch kaum zur Sprache kommt:
Während Schlagzeilen und Ernährungsempfehlungen oft suggerieren, die Schädlichkeit von Fleisch sei erwiesen, ergibt die Gesamtschau der Daten ein deutlich vorsichtigeres Bild. Von Gewissheit kann keine Rede sein.
Groß angelegte Auswertungen von Metaanalysen zeigen keine klare Tendenz, die den Konsum von rotem Fleisch pauschal mit höherer Sterblichkeit oder spezifischen Erkrankungen verknüpft.
Genau genommen wurde das Narrativ vom „bösen Fleisch“ auch durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der sogenannten Ketogenese (Keto-Ernährung) relativiert – ein Punkt, den ich an anderer Stelle bereits aufgegriffen habe. Hier sei er nur am Rande erwähnt.

Statistik statt Substanz
Der Grund für die Diskrepanz liegt weniger in bösem Willen als in der Struktur der Forschung selbst.
Beobachtung ersetzt Experiment
Langzeitstudien mit kontrollierter Ernährung sind praktisch nicht realisierbar. Deshalb beruhen fast alle Aussagen auf Beobachtungsstudien – mit allen bekannten methodischen Schwächen.
Rechenmodelle formen Ergebnisse
Ein und derselbe Datensatz kann – je nach statistischem Modell – völlig unterschiedliche Resultate liefern. Fleisch erscheint dann als Risiko, als neutral oder als unproblematisch. Die mathematische Freiheit ist enorm.
Konfundierungen bleiben bestehen
In westlichen Gesellschaften geht hoher Fleischkonsum oft mit Rauchen, Stress, Bewegungsmangel und geringer Pflanzenkost einher. In vielen Studien wird dennoch das Fleisch selbst zum Hauptschuldigen erklärt – ein klassischer Kategorienfehler, doch er wird immer wieder gemacht.
Zubereitung und Fettwahl werden ignoriert
Gerade ältere Erhebungen berücksichtigen praktisch nie, wie das Fleisch zubereitet wurde.
Ob ein Stück Fleisch in hochgradig oxidationsempfindlichen, stark verarbeiteten Pflanzenölen bei exzessiver Hitze scharf angebraten (wobei schädliche Transfette und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe entstehen) oder sanft in hitzestabilen traditionellen Fetten geschmort wurde, taucht in den Fragebögen schlicht nicht auf.
Ein gesunder Rohstoff wird so pauschal für die toxischen Begleiterscheinungen fehlerhafter Küchenpraxis verantwortlich gemacht.
Was nüchtern bleibt, wenn Ideologen schweigen
Jenseits der öffentlichen Aufgeregtheit herrscht in der Fachwelt über einige Punkte bemerkenswerte Einigkeit:
- Krebs ist multikausal. Ein einzelnes Lebensmittel erklärt gar nichts.
- Menschen reagieren unterschiedlich. Stoffwechsel, Vorerkrankungen und Lebensweise sind entscheidend, wenn zum Beispiel Gicht als Folge von Fleischkonsum angenommen wird.
- Qualität wird systematisch ignoriert. Die Gleichsetzung von industriell verarbeitetem Fleisch mit hochwertigem Weidefleisch ist biologisch wie kulturell unerquicklich.
„Industriefleisch“ kann natürlich Gesundheitsschäden verursachen, doch das ist eine Binsenweisheit.
Um das festzustellen braucht es keine Akademiker.
Pauschale Warnungen oder Verbote sind vor diesem Hintergrund weniger Ausdruck von Wissenschaft als von Lobbyismus und infantiler Ideologie.
Und: gibt es nicht auch so etwas wie „Gefälligkeitsstudien“? Ach was solls 🐷🥩
Ergänzungen, Quellen und Hinweise
Wichtiger Nachtrag zur Biochemie:
Das vergessene Methionin-Glycin-Dilemma
Wenn wir rotes Fleisch als ein völlig normales und gesundes Lebensmittel einordnen, gilt das unter einer entscheidenden biochemischen Voraussetzung: Wir dürfen Fleisch nicht auf reines Muskelfleisch reduzieren.
Wer ausschließlich Filet, Steak oder Hackfleisch konsumiert, führt dem Körper isoliert große Mengen der essenziellen, schwefelhaltigen Aminosäure Methionin zu. Ohne seinen natürlichen Gegenspieler Glycin – welcher reichlich in kollagenem Gewebe wie Knochenbrühe, Knorpel, Sülze oder Haut vorkommt – kann ein Methionin-Überschuss den Homocystein-Spiegel belasten und auf Dauer Gefäße sowie Stoffwechsel beeinträchtigen.
Erst in einer traditionellen „Nose-to-Tail“-Ernährung (oder durch die gezielte Ergänzung von Glycin/Kollagen) entfaltet rotes Fleisch sein volles, gesundes Potenzial, ohne biochemische Schieflagen zu erzeugen.
Ausführliche Recherchen zu den biochemischen Abläufen und dem optimalen Aminosäure-Gleichgewicht habe ich in meiner Notiz Methionin-Überschuss durch Muskelfleisch: „Das vergessene Ungleichgewicht in unserer Ernährung“ (27.8.2026) im Inhortas-Findbuch zusammengefasst.
[1] Durch folgendes Interview wurde ich auf das Thema aufmerksam:
Video: „Ist Fleisch gesund oder gefährlich?“ (Video-Kennung: 3ruiQ8SwusI)
Der Schweizer Moderator, der das Interview führt, ist Alexander Glogg. Er ist der Gründer und Moderator des Senders QS24 – Schweizer Gesundheitsfernsehen.
Im Beitrag unterhält er sich mit Dr. med. Simon Feldhaus, einem Mitglied des wissenschaftlichen Gremiums von QS24, über die gesundheitlichen Aspekte von Fleischkonsum und die wissenschaftliche Datenlage dazu.
Artikel über die im Video erwänte Studie:
FREI, Martina; infosperber.ch; Fleisch und Gesundheit: Studien vermitteln falsches Bild; 12.01.2025; „Ein «schockierendes» Experiment deckt die Schwächen von Beobachtungsstudien auf. Veröffentlicht wird vor allem, was Eindruck macht.“
[2] Übrigens: heute (Januar 2026) ist diese Nahrungspyramide auf den Kopf gestellt 😉

[3] Bildquelle vom Frairie des Petits Ventres: Es ist ein traditionelles kulinarisches Festival in Limoges (Frankreich), das jährlich am dritten Freitag im Oktober in der historischen Rue de la Boucherie stattfindet. Es ehrt die mittelalterliche Metzgerzunft der Stadt und konzentriert sich auf die Zubereitung regionaler Fleischspezialitäten und Innereien. Das Fest gilt als bedeutendes Zeugnis der regionalen Viehzuchtgeschichte und der Identität des Limousin.
—
—
Thomas Jacob · Erstveröffentlichung: 29.1.2026 · Durchgesehen und ergänzt (Methionin-Glycin) 5.9.2026