Bild: Rhododendron luteum, die Pontische Azalee
Die Pontische Azalee – ein Ziergehölz mit antikem Nachhall
Einer der schönsten Gartenrhododendren überhaupt – so scheint es mir zumindest – ist Rhododendron luteum, die Pontische Azalee, früher auch Azalea pontica genannt [1]. Ihre gelbe Blütenpracht besitzt eine eigentümliche Intensität, die selbst viele moderne Hochzucht-Rhododendren nicht erreichen.
Hinzu kommen jene zahlreichen Sorten, die von dieser ursprünglichen Mutterform abstammen und bis heute etwas von ihrem wilden Ursprung bewahrt haben.

Besonders in den langen Dämmerungsstunden der beinahe endlos wirkenden Vorsommertage beginnt die gelbe Blüte regelrecht zu glimmen.
Überhaupt besitzt Gelb unter den Blütenfarben eine eigentümliche Fähigkeit zur Distanzwirkung. Während viele Rot- oder Violetttöne im Abendlicht rasch stumpf werden, scheint Gelb das letzte Licht des Tages festzuhalten. Gerade deshalb entfalten gelbblühende Gehölze im Garten oder Park eine Wirkung, die weit über ihre eigentliche Größe hinausreicht.
Wenn Pflanzen Geschichten tragen
Doch Ziergehölze gewinnen nicht allein durch ihre Schönheit an Wert. Wirklich kostbar werden sie dann, wenn sich mit ihnen eine Geschichte verbindet – möglichst eine, die halb Erinnerung, halb Legende geblieben ist.
Die Pontische Azalee besitzt genau diesen alten Adel. Ihre Geschichte reicht bis in die Antike zurück, und obwohl sie nur bruchstückhaft überliefert ist, hat sie sich bis heute erhalten wie ein fernes Echo aus einer anderen Welt. Vielleicht macht gerade das ihren besonderen Reiz aus: Wer einen solchen Strauch im Garten stehen hat oder aus dem Fenster auf seine Blüte blickt, sieht eben nicht nur eine Pflanze. Er blickt zugleich auf ein Stück Kulturgeschichte.
Vielleicht ist dies sogar Anlass genug, einmal die nächste Baumschule aufzusuchen und der Versuchung nachzugeben, eine Pontische Azalee – oder eine ihrer bemerkenswerten Sorten – in den eigenen Garten zu holen.
Der Marsch der Zehntausend
Doch nun reisen wir in das Jahr 401 v. Chr.
Stell dir vor: Man gehört zu den berühmten Zehntausend griechischen Söldnern unter Xenophon. Nach der verlorenen Schlacht bei Kunaxa marschiert das Heer auf einem erbarmungslosen Rückzug durch feindliches Gebiet zurück zum Schwarzen Meer. Hunger, Erschöpfung und ständige Überfälle begleiten den Weg.
Schließlich erreichen die Griechen die Landschaft Kolchis an der heutigen türkischen Schwarzmeerküste nahe Trabzon. Die Dörfer wirken verlassen. Doch überall finden sich Bienenstöcke und Honigwaben. Die Soldaten plündern gierig alles Essbare.

Der Honig erscheint ihnen wie ein Geschenk der Götter – dunkel, schwer und reichlich vorhanden. Doch schon bald verwandelt sich die Mahlzeit in ein Desaster.
Wer nur wenig davon gegessen hat, wirkt wie betrunken. Andere verlieren völlig die Kontrolle. Xenophon schildert, wie die Männer erbrechen, schweren Durchfall bekommen und nicht mehr stehen können. Manche liegen am Boden wie Wahnsinnige oder Sterbende. Das Heer wird kampfunfähig.
Erst am nächsten Tag bessert sich ihr Zustand allmählich. Nach drei oder vier Tagen sind die meisten wieder genesen. Glücklicherweise nutzt kein Feind ihre Schwäche aus. Xenophon berichtet darüber beinahe nüchtern – als handle es sich lediglich um eine sonderbare Episode auf dem langen Heimweg.
Das Geheimnis des „verrückten Honigs“
Die Ursache lag in den Rhododendren der Schwarzmeerregion, vor allem in Rhododendron ponticum (eine lila blühende Art) und dem besagten Rhododendron luteum. Diese prachtvollen, aber keineswegs harmlosen Sträucher wachsen dort bis heute massenhaft in den Wäldern.
Ihre Blüten enthalten sogenannte Grayanotoxine – Nervengifte, die von den Bienen mit dem Nektar aufgenommen werden. Den Bienen selbst schaden sie kaum, doch im Honig konzentrieren sich die Stoffe.
Die Wirkung ist dosisabhängig. Kleine Mengen führen zu Schwindel, Benommenheit und halluzinationsartigen Zuständen. Größere Mengen verursachen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, starken Blutdruckabfall und im Extremfall beinahe komaartige Zustände.
Heute kennt man diesen Honig unter dem Namen „Mad Honey“ oder im Türkischen als Deli Bal – „verrückter Honig“. Sein Geschmack gilt als bitterer und schärfer als gewöhnlicher Honig.

Honig als Waffe
Nicht nur Xenophon geriet mit diesem Honig in Berührung.
Rund 330 Jahre später, im Jahr 67 v. Chr., wurde die Wirkung offenbar gezielt als Waffe eingesetzt. Während des Feldzuges des römischen Feldherrn Pompeius gegen Mithridates VI. stellten Einheimische entlang der Marschroute Schalen mit vergiftetem Honig auf.
Die römischen Legionäre griffen bedenkenlos zu. Kurz darauf waren ganze Truppenteile kampfunfähig. Die pontischen Krieger kehrten zurück und erschlugen zahlreiche Römer. Der antike Geograph Strabon berichtet später von diesem Vorfall – einer frühen Form biologischer Kriegsführung.
Eine Pflanze zwischen Schönheit und Gefahr
Bis heute existiert dieser Honig in Teilen der Schwarzmeerregion, besonders in der Türkei und in Georgien. Manche verwenden ihn in kleinen Mengen als traditionelle Naturmedizin oder wegen seiner berauschenden Wirkung. Dennoch kommt es regelmäßig zu Vergiftungen.
Gerade darin liegt vielleicht die eigentümliche Größe der Pontischen Azalee: Sie verbindet Schönheit und Gefahr auf beinahe archetypische Weise. Ihre Blüten wirken freundlich, beinahe lichtdurchtränkt – und doch trägt dieselbe Pflanze einen Stoff in sich, der ganze Heere niederstrecken konnte.

Quellen und Ergänzungen
[1] Die Ponitsche Azalee im Rahman der Gartengestaltung. Hier schrieb ich 2014 zur Art: Rhododendron luteum, Pontische Azalee (Azalea pontica)
[2] Projekt Gutenberg.org: Xenophon, Bericht in der Anabasis (Buch IV, Kapitel 8)
[3] Wikipedia: Pontischer Honig
[4] Wikipedia: Mad honey (Verrückter Honig)
[5] stories.tamu.edu; Experte gibt Einblicke in Mad Honey (Vaughn Bryant, Professor für Anthropologie an der Texas A&M University und einer der weltweit führenden Honigexperten, sagt, dass „verrückter Honig“ eine faszinierende Geschichte hat, einschließlich seiner Verwendung im Krieg.); 15.10.2014
[6] Wikipedia: Schlacht bei Kunaxa
P.S. Neben der hier vorgestellten Art gibt es im Pontos (heute Schwarzmeerregion der Türkei) auch noch ein zweite, ebenso problematische Arte: Rhododendron ponticum (Pontischer Rhododendron) Blüte: Violett bis rosa-purpurfarben, glockenförmig. Laub: Immergrün. Die Blätter sind ledrig, dunkelgrün und bleiben das ganze Jahr über am Strauch (auf dem ersten Bild gut zu erkennen). Wuchs & Charakter: Wächst sehr dicht und mächtig. In Westeuropa (besonders auf den Britischen Inseln) hat sich diese Art zu einem massiven Problem entwickelt – sie ist dort ein invasiver Neophyt, der heimische Wälder überwuchert.
Den Pontischen Rhododendron (lila Blüte) also bitte nicht mit der Pontischen Azalee verwechseln: Rhododendron luteum. Blüte: Leuchtend gelb; und – das ist ihr Markenzeichen – sie verströmt einen extrem intensiven, süßlichen Duft. Laub: Sommergrün (laubabwerfend). Im Gegensatz zum ponticum verliert diese Wildazalee im Winter ihre Blätter, glänzt dafür aber im Herbst mit einer wunderschönen, feuerroten Laubfärbung.
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