Selbstversorgung oder Hobbygarten? – Warum wir endlich klar unterscheiden müssen

Selbstversorgergarten, Gemüsegarten

➡️ Wir reden viel über Selbstversorgung – aber meist ohne zu klären, welche Art von Gärtnern wir eigentlich meinen.

Für die einen ist der Garten ein Ort für Hobby und Entspannung. Für andere ist er ein finazieller Nebenerwerb. Und wieder andere möchten selbtversorgend einen spürbaren Teil ihrer Lebensmittel selbst produzieren.

Das Problem: Diese drei Welten funktionieren nach völlig unterschiedlichen Regeln. Wer sie verwechselt, bekommt widersprüchliche Ratschläge, falsche Erwartungen – und am Ende Frust statt Ertrag.

Zeit also, Ordnung in das Thema zu bringen.

 


1. Warum wir drei Gartenwelten unterscheiden müssen

Je länger ich mich mit Selbstversorgung beschäftige, desto deutlicher sehe ich:
Es gibt drei völlig verschiedene Formen des Gärtnerns:

  1. Der Hobbygarten
    Freude, Vielfalt, Experimente – alles darf, nichts muss.
  2. Die Häusler- bzw. Selbstversorgerwirtschaft
    Effizienz, Alltagstauglichkeit, klarer Nutzen; Kleintierhaltung ist Teil des Systems.
  3. Die professionelle Gärtnerei
    Hier besonders die minimale Variante: die Klein-Erwerbsgärtnerei → Market Gardening.

Jede dieser Formen hat ihre Berechtigung.
Aber sie folgen unterschiedlichen Regeln – und verlangen unterschiedliche Denkweisen.

2. Selbstversorgung, besser: „Häuslerwirtschaft“

Um echte Selbstversorgung genauer zu fassen, verwende ich bewusst den alten Begriff der Häuslerwirtschaft: eine Wirtschaftsform, die auf kleinstem Raum eine Kombination aus Gartenbau, Kleintierhaltung und handwerklicher Arbeit vereint.

10 Hennen im Garten
Legehennen machen die Eigenversorgung erst so richtig effizient. Und sie produzieren Biodünger. [1]
Häusler waren kleine ländliche Haushalte, die mit minimalem Land und begrenzter Arbeitskraft auskommen mussten. Ihre Prinzipien waren klar und kompromisslos:

  • Anbau nur jener Kulturen, die zuverlässig und arbeitsökonomisch waren
  • deutliche Trennung zwischen lohnenden Gartengewächsen und arbeitsintensiven Feldkulturen
  • Haltung weniger Tiere mit maximalem Nutzen
  • kein Platz für gärtnerische Liebhaberei, Experimente oder ständige Sortenwechsel
  • ergänzende handwerkliche Tätigkeiten
  • jede Handbewegung musste sich lohnen

Diese Denkweise ist überraschend modern – und aktueller denn je für Menschen, die mit knapper Zeit echte Eigenversorgung erreichen wollen.

Viele heutige „Selbstversorger“ erweitern jedoch nur ihren Hobbygarten. Deshalb bleibe ich beim präziseren Begriff der Häuslerwirtschaft.

 

Gemüsegarten Mitte Oktober
Unser Gemüsegarten Mitte Oktober. Vorn sehen wir Buschbohnen, dahiner verschiedene Wintergemüse: Grünkohl, Rucola, Porree, Schwarzwurzeln und Pastinaken. [2]

3. Das Problem: Ratgeber mischen alles durcheinander

In vielen Büchern, Blogs und YouTube-Kanälen wird kaum zwischen Hobbygarten, Selbstversorgung und professionellem Anbau unterschieden.
Dadurch entstehen zahlreiche Missverständnisse. Es folgen Beispiele:

  • Profi-Methoden wie No-Dig (kein Umgraben) werden empfohlen; allerdings werden dort riesige Mengen Kompost verbraucht, die idustriell produziert werden
  • exotische oder romantisierte Kulturen werden als „selbstversorger-tauglich“ verkauft
  • arbeitsintensive Experimente überlasten schnell den Alltag
  • Fazit: → die drei Kategorien verschwimmen und die Orientierung geht verloren

Das Ergebnis:
Man folgt Ratschlägen, die für die eigenen Ziele völlig ungeeignet sind – und wundert sich über Stress, Überforderung oder mäßige Erträge.

4. Was echte Selbstversorgung wirklich verlangt

Echte Selbstversorgung folgt nicht der Regel: möglichst viel anbauen.
Sondern: das Richtige anbauen.

Das bedeutet:

  • Arbeitszeit realistisch planen
  • robuste, lagerfähige und pflegeleichte Sorten wählen
  • Kulturen streichen, die im eigenen Mikroklima nicht funktionieren
  • mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie
  • Erntezeiten so staffeln, dass wenig eingekocht oder eingefroren werden muss

In unserem Fall reichen:

Dafür brauchen wir rund 18 Stunden pro Woche – Sonntag frei.
Und das funktioniert nur, weil wir konsequent auf unproduktive oder anfällige Kulturen verzichten.

 

Kleines Haus mit Obstpalier und duftenden Blüten im Frühjahr
Ein eigenes Häuschen und Grundstück wäre nicht schlecht, doch das Häusler-Prinzip geht auch mit Mietwohung, Balkon und Kleingarten umszusetzen. Und am besten auf dem Land. [3]

5. Beispiele aus der Praxis: Wie man den Aufwand halbiert

A. Himbeeren + ein lagerfähiger Apfelbaum

Mit frühen, mittleren und späten Himbeeren gibt es von Juni bis Oktober täglich frische Früchte. Gut dosiert. Ein kleiner Überschus kann eingefrostet oder zu Marmelade gekocht werden.
Ein einziger Boskoop-Apfelbaum liefert Herbstäpfel und Winterobst – fast ohne Pflegeaufwand.

Boskoop-Apfel am Baum in Duft der Spätsommersonne
Wer sich für keine Apfelsorte entscheiden kann, nimmt: ‚Schöner von Boskoop‘; ein Lagerapfel der zeitig reif ist. [4]

B. Staffel-Saat von Buschbohnen

Vier 2,5-Meter-Reihen im Abstand von vier Wochen gesät → durchgehend frische Bohnen bis zum Frost.
Keine Konservierung, keine Überproduktion.

C. Mut zur Entscheidung

Statt alter, anfälliger Johannisbeerbüsche lieber ein gut platzierter Pfirsichbaum mit passender Reifezeit:
Ein Monat tägliche Ernte – ohne Pflegeprobleme.

D. Problemkulturen ersetzen

Beispiel: Möhren und Zwiebeln gedeihen in unserer Tallage schlecht (Möhren- und Zwiebelfliege).
Stattdessen setzen wir auf:

6. Warum dieser Unterschied so entscheidend ist

Wer gärtnern möchte, um sich wirklich selbst zu versorgen, braucht klare Kriterien.
Wer aus Hobby gärtnert, braucht Freiheit.

Beides mischt sich schlecht.

Sobald man weiß, welcher Typ Gärtner man ist, werden Ratschläge plötzlich verständlich:
Man erkennt sofort, was Sinn ergibt – und was man getrost ignorieren kann.

 

Blumen im Hausgarten in warmer Septembersonne
Reichlich Blumen im Garten sind Teil der Häuslerwirtschaft. Links vor den Dahlien ist das die Stuadensonnenblume: Rudbeckia fulgida var. deamii [5]

Resümee

Selbstversorgung, Hobbygarten und Profigartenbau sind drei unterschiedliche Welten.

Der Profigartenbau beliefert einen Markt – dort bestimmen Preis, Nachfrage und Effizienz.
Der Hobbygarten lebt von Vielfalt, Freude und Experimenten.
Die Häuslerwirtschaft dagegen braucht Klarheit, Einfachheit und wiederholbare Planung – und verbindet Gartenbau und Kleintierhaltung zu einem funktionierenden Gesamtsystem.

Wer die Prinzipien der alten Häuslerwirtschaft auf die eigene Situation überträgt, schafft einen Garten, der:

  • arbeitssparend
  • alltagstauglich
  • stabil
  • und überraschend ertragreich

ist.

Selbstversorgung heißt nicht, alles anzubauen – sondern das Richtige.

Weitere Hinweise und Beiträge

[1] Wieviel Eier legen 15 Hühner? (auf: derkleinegarten,de)

[2] Die Buschbohnen (im Bild), die um den 15. Oktober die letzte, aber reichlich Bohnen liefern, wurden um den 20. Juli gesät.

[3] Siehe auch: „Wieviel Haus braucht ein Mensch? Über den Dokumentarfilmer Dieter Wieland.“

[4] Apfelsorte ‚Schöner von Boskoop‘: Sortenbescheibung auf derkleinegarten.de

[5] Ein leicht durch Teilung zu vermehrender Staudensonnenhut: „Deams Sonnenhut – sehr wertvolle Rabattenstaude Rudbeckia fulgida var. deamii“ (Beschreibung auf derkleinegarten.de)

 

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